Shifting the Silence. Die Stille verschieben.
Städtische Galerie im Lenbachhaus, Luisenstr. 33, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 31. Dezember 2026.
www.lenbachhaus.de
Die wunderbaren „Abwaschskulpturen“ von Nicole Wermers (*1971) dürften so manche Museumsaufsicht ins Schwitzen bringen: Drei Spülmaschinenkörbe sind mit Töpfen, Terrinen, Tellern, Tassen und Tabletts übervoll bestückt. Das Tafelgeschirr aus mehreren Jahrhunderten hat die Künstlerin, die an der Münchner Kunstakademie lehrt, allerdings ohne Klebstoff in ein fragiles Gleichgewicht gebracht. Berühren strengstens verboten. Die dreidimensionalen Stillleben sind nicht nur faszinierend anzuschauen, sondern öffnen den Raum der Kunst in einen Alltag hinein, der die längste Zeit als Arbeitsbereich von Frauen galt. Wermers‘ etwas andere Vergänglichkeits-Darstellungen sind nun Teil der neuen Präsentation von zeitgenössischer Kunst im Münchner Lenbachhaus. Unter dem Titel „Shifting the Silence. Die Stille verschieben“ wurden die Räume der Gegenwartskunst mit Exponaten von 39 Künstlerinnen und Künstlern neu geordnet und um einige Neuerwerbungen erweitert. Der Titel geht zurück auf das letzte Buch der Malerin und Autorin Etel Adnan (1925-2021), die während der Vorbereitungen zu ihrer Retrospektive 2022/23 im Lenbachhaus verstarb. Den Auftakt machen denn auch drei ihrer farbgewaltigen, fast abstrakten, aber enorm sinnlichen Kleinformate. Es ist erstaunlich, wieviel Energie auf so wenig Leinwand passt. Das Motto „Die Stille verschieben“ betont dabei das Wesen der Kunst als Ausdrucksform jenseits der Sprache. Und verweist auf das Unvermögen der Worte, Kunst zu umschreiben und zu übersetzen. So ist diese Ausstellung auch als Anregung gedacht, das Visuelle auf sich wirken zu lassen.
Der Parcours bietet figurative und abstrakte Werke aller Genres und aus allen Himmelsrichtungen, geschlechter- und generationsübergreifend und meist in der Gegenüberstellung – teils mit bis zu vier Künstlerinnen und Künstlern pro Raum. Einige unter ihnen haben München-Bezug, viele Arbeiten drehen sich um Fragen zu Herkunft, Geschlecht und Zugehörigkeit. Die Münchner Künstlerin Cana Bilir-Meier (*1986) zeigt u.a. die mit Korrekturen versehenen Grammatikhefte ihrer Mutter, die einst als Gastarbeiterin an die Isar kam. Deren Arbeit an und mit der neuen Sprache steht hier auch für das mühsame Ringen um Teilhabe. Das wird zwar hinreichend deutlich, ist – künstlerisch gesehen – aber dann doch etwas wenig. Malgorzata Mirga-Tas’ (*1978) figurative Textil-Collagen aus vielfarbigen Stoffen wiederum überzeugen in Konzept und Machart. Für ihre Serie „Out of Egypt“ (zuletzt zu sehen auf der Documenta 15) bearbeitete sie rassistische Radierungen aus dem 17. Jahrhundert. Die Künstlerin, die in Polen als Romnja aufwuchs, schnitt die diffamierende Kommentierung heraus, so dass die Bilder sich in atmosphärisch dichte Genre-Szenen verwandeln. Man kann darüber hinaus Samia Halaby (*1936) neu entdecken, die früh mit dem Computer experimentierte, eine Programmiersprache erlernte und damit ab 1986 ihre „Sound Paintings“ schuf, sich permanent verändernde geometrische Abstraktionen auf dem Monitor. Nicht weit davon betört Thea Djordjadzes(*1971) leuchtende großformatige Hinterglasmalerei ebenso wie Tolia Astakhishvilis (*1974) Wandobjekt „Ribs and Gibbons“. Und auch Marcel Odenbachs (*1953) Blick in den Kanzlerbungalow ist die genaue Betrachtung wert. Die Gegenwart setzt sich fort bis in die historischen Räume der Künstlervilla. In diesem Kontext entfaltet Roméo Mivekannins (*1986) „Unbekannter Mann“ besonders eindrücklich Wirkung: Die Übermalung eines Porträts des 19. Jahrhunderts dekonstruiert das „Orient“-Klischee macht das Individuelle sichtbar. Und auch Saâdane Afifs (*1970) fragil-elegante Relikte der Sound-Performance „The Fairytale Recordings“, eine Kooperation mit der Porzellanmanufaktur Nymphenburg, begeistert in Idee und Anschauung.
Wenn der Rundgang insgesamt nicht völlig überzeugt, dann mag das daran liegen, dass die üppige Zusammenschau – gerade in Anbetracht des Titels – an manchen Stellen sehr verkopft wirkt und sich ohne erläuternde Worte doch nicht immer erschließt.




