Wir sind hier!: Hingabe an den Moment

Wir sind hier. Haus Konstruktiv
Wir sind hier!, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv mit Arbeiten von Sylvie Fleury (l.) und Vanessa Billy (r.), 2025, Foto: Stefan Altenburger
Review > Zürich > Museum Haus Konstruktiv
1. Juli 2025
Text: Dietrich Roeschmann

Wir sind hier! Highlights und Neuzugänge der Sammlung.
Museum Haus Konstruktiv, Limmatstr. 268, ZÜrich.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 28. September 2025.
www.hauskonstruktiv.ch

Manchmal braucht es nicht mehr als ein Tütchen voller Paper Dots in zarten Farben, und der Abend gehört dir – auch mitten im Gedränge einer überfüllten Vernissage, bei der einige noch immer in der Schlange auf der Straße auf Einlass warten. Nach dem Auszug aus dem ehemaligen ewz-Unterwerk Selnau und mehrmonatiger Umbauphase hat das Museum Haus Konstruktiv Mitte Mai seine neuen Räume im Zürcher Löwenbräu-Areal bezogen, in direkter Nachbarschaft zum Migros Museum für Gegenwartskunst und zur Kunsthalle Zürich. Zur Eröffnung kamen mehr als 1000 Menschen, doch der Lärm verebbte rund um den Performer, der zwischen Arbeiten von Sylvie Fleury, Vanessa Billy und Vera Molnár die flüchtige Arbeit „The Drip“ von Amalia Pica aufführte. Stück für Stück zog er dafür einzelne Konfettis aus seiner Tüte, warf sie in den Raum und schaute ihnen beim stillen Zum-Boden-Segeln zu Boden zu – wieder und wieder, stundenlang. Man könnte darin einen Vorschlag für die Haltung sehen, die sich Kurator:innen in ihren kühnsten Träumen vom Publikum wünschen: Volle Hingabe an die Kunst und an den Moment ihres Erlebens – nichts anderes zählt, alles drumherum ist vergessen.

Die neuen Räume im Löwenbräu bieten dafür gute Voraussetzungen. Hell, hoch, mit nur schmalen Ausblicken ins Quartier und dem vagen Raumgedächtnis der einstigen Industriearchitektur, sortieren sie sich zu einem abwechslungsreichen und zugleich konzentrierten Parcours. Die Wege sind kürzer als am vorherigen Ort. Und die Hängung ist dichter, was nicht zuletzt dem erklärten Willen geschuldet sein dürfte, beim Housewarming erstmal zu zeigen, was die eigenen Depots so hergeben. Im Zentrum der Schau, die Werke von drei Dutzend Künstler:innen versammelt, stehen nicht zufällig ausgewählte Arbeiten der Zürcher Konkreten Max Bill, Camille Graeser, Verena Loewensberg und Richard Paul Lohse. Diese bilden den historischen Kern der Sammlung und sind hier zugleich Ausgangspunkt entspannter Dialoge mit der Gegenwart, angefangen bei zwei Arbeiten von Élodie Pong und Philippe Decrauzat, die wie Ventilatoren frische Luft in die lange Geschichte der konkreten Kunst zu schaufeln scheinen. Ein Blickfang ist auch Ricardo Alcaides Installation „Sunset“, für die der Venezolaner sieben schaukastenartige Bildobjekte in Pastelltönen zu einer von Sonnenuntergängen inspirierten Farbsensation arrangiert hat. Brigitte Kowanz’ Lichtarbeit „Connect the Dots“, die gegenüber an der Wand flackert, meditiert unterdessen in Morsesignalen über das  Schreiben und Umschreiben von Kunstgeschichte aus der Perspektive des Heute. In naher Zukunft wird es dafür im Haus Konstruktiv dann doppelt so viel Platz geben, wenn 2026 im Westflügel des Löwenbräu der zweite Teil des Museums eröffnet.