Jack Goldstein: Pictures, Sounds and Movies.
Kunst Museum Winterthur, Beim Stadthaus, Museumstr. 52, Winterthur.
Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 31. Mai 2026.
kmw.ch
Ein Vulkanausbruch ist ein spektakuläres Ereignis. Auf diese Aussage dürften sich die meisten Menschen einigen können, denn jede:r weiß ja, wie ein Vulkanausbruch aussieht: grelle Explosion, dynamischer Funkenflug, glühender Untergrund – eben ziemlich spektakulär. Aber wer hat Lava je schon mit eigenen Augen den Hang herunterkriechen sehen, wer den Schwefel gerochen, die Hitze auf der Haut gespürt? Auch der nächtliche Vulkanausbruch, den Jack Goldstein 1985 nach Vorlage eines Zeitungsfotos auf die Leinwand brachte und der jetzt die Retrospektive des früh verstorbenen Amerikaners (1945-2003) im Kunst Museum Winterthur eröffnet, ist spektakulär. Und genau dieses Spektakel ist Gegenstand seiner Malerei. Denn es ging ihm nicht um die Darstellung des realen Vulkanausbruchs, sondern um die des Bildes, das von ihm kursiert, um die Untersuchung der medialen Konstruktion der Wirklichkeit.
Jack Goldstein, der am California Institute of Art in John Baldessaris Post-Studio-Art-Klasse studiert hatte, gehörte zu den zentralen Figuren der Pictures Generation. Diese hatte sich 1977 in der von Douglas Crimp kuratierten Gruppenschau „Pictures“ in L.A. als lose Gruppe von Künstler:innen zusammengefunden. In ihrer Kunst erkundeten sie Bilder als kulturelle Strukturen und nutzten dafür das Bildrepertoire und die Techniken der Massenmedien, des Kinos und der Werbung. Auch Goldstein verwendete als Vorlagen für seine fotorealistischen Gemälde ausschließlich existierende Motive, die oft Hinweise auf ihre Produziertheit lieferten. Mit dem frühen Schwarzweiß-Bild der kreisförmigen Bewegung eines Sternenhimmels in Langzeitbelichtung etwa rückte er die Fotografie als Medientechnologie ins Zentrum des Gemäldes. Andere Bilder in Winterthur leuchten in den intensiven Fehlfarben einer Wärmebildkamera, zitieren die heroische Ästhetik von Wochenschauen der 1940er-Jahre oder sortieren sich entlang grafischer Höhenlinien zu abstrakten Oberflächenreliefs, die ihrerseits auf bildgebende Verfahren der Naturwissenschaft verweisen, welche Goldstein als technologische Erweiterung des menschlichen Sehvermögens feierte. Um jede Spur von Autorschaft zu tilgen und eine maximale Distanz zwischen der eigenen Hand und dem makellosen Malereiprodukt herzustellen, nutzte er statt Pinsel ausschließlich Airbrush-Sprühpistolen und delegierte die Ausführung seiner Bilder konsequent an Assistenten. Die meisten dieser Bilder entstanden in den 1980er-Jahren. Dass sie bis heute anschlussfähig geblieben sind auch für aktuelle Diskurse über Malerei im digitalen Zeitalter ist kein Zufall. „Art should be a trailer for the future“, hat Goldstein einmal gefordert. Tatsächlich lassen manche seiner Bildkörper der späten Achtziger an die Oberflächen von Tablets denken, und die Ästhetik vieler Motive folgte schon damals ähnlichen Strategien der Aufmerksamkeit wie die Bilder, die sich heute in den Social-Media-Feeds durchsetzen.
Neben Malerei sind in der sehenswerten Schau in Winterthur auch seine 16-mm-Filme zu sehen. Für diese Arbeiten nutzte er ebenfalls die Expertise von Profis. Er engagierte Kameraleute und Beleuchter, um die visuelle Sprache des Mainstream-Kinos nachzubilden. Dabei erzählte er keine Geschichten, sondern er isolierte Bilder aus dem kollektiven Filmgedächtnis. In der Ausstellung laufen diese Kurzfilme im Zehnerpack: Ein Messer reflektiert das Licht eines Scheinwerfers wie in einem Thriller von Hitchcock, ein trainierter Schäferhund bellt auf Befehl, der Fuß einer Ballerina balanciert auf der Spitze, gefolgt vom unablässigen Brüllen des Löwen Leo, Film- und Tonmarke der MGM-Studios in Hollywood. Ganz ohne sichtbare Bilder kommen dagegen Goldsteins Soundarbeiten aus. Im Zentrum steht hier die Vinyl-Single-Serie „A Suite of Nine 7-inch Records“, für die er gefundene Geräusche und Filmsoundtrack-Schnipsel zu Klangbildern von Naturereignissen komponiert hat, welche in den Köpfen der Hörer:innen wiederum bestimmte Filmsequenzen aufrufen – und damit popkulturell überformte Bilder der Natur, die sich längst mit realer Naturerfahrung mischen.




