Katharina Wulff, Arabesken in Arabesken: Den Schleier lüften

Katharina Wulff
Katharina Wulff, Frieda, 2023, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin
Review > Baden-Baden > Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
17. April 2026
Text: Annette Hoffmann

Katharina Wulff: Arabesken in Arabesken.
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 10. Mai 2026.
www.kunsthalle-baden-baden.de

Katharina Wulff
Katharina Wulff, Grand Hotel Tazi, 2016, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin
Katharina Wulff
Katharina Wulff, Der Aufbruch, 2012, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin
Katharina Wulff
Katharina Wulff, Der Tagträumer, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin
Katharina Wulff, Arabesken in Arabesken, 2026, Installationsansicht © Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Stefan Altenburger Photography, Zürich

Katharina Wulff (*1968) gehört zu jenen Kunstschaffenden, die ihre Bilder lieber selbst sprechen lassen. Werden sie etwa entkräftet, sobald man die jeweiligen Referenzen benennen kann? Verschwinden sie dann hinter Narrationen auf Nimmerwiedersehen? Wohl kaum. Ein bisschen ist es vielleicht mit Wulffs Malerei wie bei ihrem Hochformat, das eine Frau in der Gegenüberstellung mit zwei geisterhaften Wesen zeigt. Der Kopf der jungen Frau, die mit einer Art transparentem Nachthemd bekleidet ist, neigt sich diesem seltsamen Paar zu. Sie sind kaum mehr als Schleier, doch was man von ihrer Kleidung sieht, scheint eher zu der Burganlage im Hintergrund als in die Gegenwart zu passen. Sie sind anwesend, aber auch irgendwie nicht.

Vieles ist in Wulffs Bildern als Andeutung vorhanden, ohne dass es sich immer klar benennen ließe. Manchmal liefert ein Titel einen Hinweis. Das Bild „Frieda“ von 2023, das in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden zusammen mit weiteren Frauenporträts zu sehen ist, geht auf ein Foto Sibylle Bergemanns von ihrer Tochter zurück. Es ist in Ostberlin entstanden. Die junge Frau, die damals zwanzig war, trägt die Haare kurz und einen körperbetonenden Wollpullover. Die Arme sind unter der Brust verschränkt, das Kleidungsstück mit Rollkragen und überschnittenen Schultern wirkt wie eine Panzerung. Während das ursprüngliche Foto die Frau vor einem Blumenstrauß zeigt, hat Wulff sie vor einem hellblauen Werksgebäude mit Ladezone platziert. In der Produktion sah die DDR ihre Bürgerinnen und Bürger am liebsten. Für Wulff, die in Ost-Berlin geboren wurde und nach der Wende Kunst studierte, ist es auch ein Verweis auf Maxie Wanders Bestseller „Guten Morgen, du Schöne“. Wander hatte für das Buch Tonaufnahmen über das Leben von Frauen in der DDR verwendet. Wer in dieser letzten Phase des Arbeiter- und Bauernstaates lebte, konnte in verschiedenen Wirklichkeiten zuhause sein: der des sozialistischen Realismus, der Partei und des Alltags.

In der Baden-Badener Retrospektive, die gut 40 Arbeiten zusammenführt, darunter auch ein paar Zeichnungen und zwei Installationen, scheinen viele von Katharina Wulffs Bildern sich in dieser mehrdeutigen Wirklichkeit gut eingerichtet zu haben. Nach ersten Arbeiten in pastosem Farbauftrag während ihres Studiums in den 1990er Jahren, die zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion standen, wendet Wulff sich ganz der Figuration zu. Ihre Malweise ist jetzt geradezu trocken, oft fast durchscheinend und dadurch voller Übergänge zwischen den Welten, zwischen Gestein und Wasser, Erinnerung und Gegenwart. Heute sieht man einen derartigen Surrealismus wieder öfters, doch als Wulff studierte, dominierte figurative Malerei nicht gerade. Es gehörte einiges an Widerstandskraft dazu, sich nicht den damaligen Trends angepasst zu haben.

In ihrem Bild „Der Aufbruch“ von 2012 steht eine Person zwar im Vordergrund, doch der Hintergrund ist umso interessanter, da windet sich ein Matrose um ein Gebäude, um einen merkwürdig stilisierten gelben Vogel anzulocken. Links ist eine Kutsche zu sehen, die von zwei Pferden mit bleckenden Zähnen gezogen wird, sie sieht aus wie ein Chagall-Zitat. Die Architektur wiederum erinnert an Marrakesch, wo Wulff seit einigen Jahren lebt. Die Häuser haben Flachdächer, die belebt wirken. Der Titel von Wulffs Ausstellung „Arabesken in Arabesken“ deutet darauf hin. Aufgegriffen wird er durch eine Sofaarchitektur mit hölzernen Zierelementen und einer turmähnlichen Skulptur in einem anderen Raum, die ebenfalls von marokkanischen Handwerkern gedrechselt und in Baden-Baden aufgebaut wurde. Oben ist eine kleine Vogelfigur platziert, unten kann man Platz nehmen. Die Arabeske, jenes Muster, das kein Ende nimmt und locker die Grenze zwischen der arabischen und westlichen Welt genommen hat, ist auch Motiv in Wulffs Bildern als Schmuck von Fenstern und offene Grenze zwischen zwei Bereichen. Auch ihre Malerei kennt diese Gleichzeitigkeit.