Sandra Vásquez de la Horra: Soy Energía.
Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, München.
Montag, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 17. Mai 2026.
www.hausderkunst.de
Zur Ausstelllung ist ein Katalog erschienen: Mousse Publishing, Mailand 2025, 244 S., 40 Euro.
Bei Sandra Vásquez de la Horra (*1967) ist der weibliche Körper Alpha und Omega: Ihre Raum-Installation „Ich bin der endlose Horizont“ ist eine begehbare Höhle, innen und außen voller Darstellungen weiblicher Leiber, deren Köpfe, Hände, Arme und Beine sich verselbständigen. In der Ausstellung „Soy Energía“ im Münchner Haus der Kunst entfesselt die in Chile geborene Künstlerin einen gewaltigen Bilder-Zyklus um Liebe, Schmerz, Geburt und Tod.
Schon in den Monumentalformaten im ersten Raum erscheinen überlebensgroße starke Frauenfiguren, umgeben von Blut und Wasser. Eine trägt ein Kind über den dunklen Fluss („Das Auge des Hurrikans“). Einer anderen fließt ein Bündel roter Adern wie ein Flussdelta aus dem Unterleib („Los Cascadas“). Die Symbolik macht Vásquez de la Horras Credo überdeutlich: Die gewaltigste Kraft, die auf und in uns wirkt, ist die Natur. Aber die weibliche Energie kann es mit ihr aufnehmen. Formal zeichnen sich diese mythisch-organischen Bildvisionen dadurch aus, dass Vásquez de la Horra mit Graphit und Aquarellfarbe auf mit Bienenwachs präpariertes Papier zeichnet, was sowohl zu einer weichen Kontur als auch zu stärkerer Farbwirkung führt. Die erste große Überblicksausstellung in Europa präsentiert jetzt das opulente zeichnerische, plastische, filmische und performative Werk der Künstlerin, die seit 2010 in Berlin lebt. Darin zeigt sich die enorme Bandbreite ihres Schaffens – von Keramik-Miniaturen bis zur Video-Projektion. Aber auch, dass ihre wichtigste Ausdrucksform die Zeichnung ist. So auch in ihrer Bilderfindung der „Body Landscapes“: lebensgroße Figuren auf Wachspapier, zu Leporellos gefaltet, so dass sie dreidimensional werden.
Aufgewachsen ist sie in der chilenischen Diktatur unter Pinochet (1973-1990), wo sie zunächst Kunst und später Kommunikationsdesign studierte, ehe sie bei Jannis Kounellis und Rosemarie Trockel in Düsseldorf das Kunststudium fortsetzte und schließlich einen weiteren Abschluss an der Kölner Medienkunsthochschule machte. Die beklemmenden Jahre unter der Militär-Junta haben in ihrem Werk Spuren hinterlassen. Man findet etwa Darstellungen jener „Desaparecidos“, der Verschwundenen, die vom Regime verhaftet, entführt und ermordet wurden. Im ersten Raum ist eine ganze Wand mit kleinformatigen, ikonischen Schwarzweiß-Zeichnungen übersät, surreal und erschreckend, komisch und rührend. Zwischen fantastischen Mensch-Tier-Mischwesen findet man eine winzige Pietà, jene überzeitlich und universell lesbare Figurenkonstellation, in der sich mütterlicher Schmerz manifestiert. Und auch die dunkelsten Ecken weiblicher Ohnmacht und Gewalt gegen Frauen leuchtet die Künstlerin aus, wie in „Geknebeltes Fräulein“. Eine verstörende Szene, deren Kontext sie im Dunkeln lässt. Während ihrer Zeit in Düsseldorf um die Jahrtausendwende entstanden dann kurze Video-Performances („Ich bin nicht“, „Unter deiner Haut ist meine Haut“). Darin reflektiert sie nüchtern, wie sie als fremdartig aussehende Frau in Deutschland wahrgenommen wird: wahlweise unfreiwillig sexualisiert oder als andersartig stigmatisiert. Davon abgesehen kommt in ihrem Bilder-Kosmos eine tiefe Spiritualität zum Tragen. Zentral ist dabei der synkretistische Santería-Glaube aus Katholizismus und der aus Westafrika in die Karibik gekommenen Yoruba-Religion, in der Gottheiten und Heilige in Orishas eins werden.
Ihre leuchtende Farbpalette orientierte Sandra Vásquez de la Horra an ihrer Aura, die wiederum durch „ihre“ Orisha Ochún, Göttin der Flüsse, und verbundenen Gottheiten bestimmt ist. Das ist beim Betrachten nicht alles nachvollziehbar. Man kann „Soy Energía“ aber auch, ohne tiefer in diese Glaubenssätze einzusteigen, als ausdrucksstarkes Beispiel universell-weiblicher künstlerischer Selbstermächtigung lesen.




