Brain in a Pipe
mit CAConrad, Jan Domicz, Gina Folly, Germaine Koh, Devin T. Mays, Sean Morel, konzipiert von u
Kaiserwache.
Kuartiert vion Ilja Zaharov.
Kaiser-Joseph-Str. 286, Kaiserbrücke, Freiburg.
Öffnungszeiten auf Anfrage unter
Bis 15. März 2026
@kaiserwache_kw
www.kaiserwache.com
Sean Morels Remote arist talk
Auf seiner Homepage lädt der kanadische Künstler Sean Morel (*1987) per Video zu einem Remote Artist Talk ein. In einer Art Diashow blättert er Seite für Seite durch ein Album voller Aufnahmen von Kuben in unterschiedlichen Größen, die er aus transparentem Tape zusammenklebt hat. Das Licht bricht sich darin wie in Eisblöcken. Während die Bilder dieser Raumkörper vorbeiziehen, macht sich Morel Gedanken über die Funktion von Kunsträumen, vor allem über den Raum als Voraussetzung und Ergebnis der Beziehung zwischen Personen und Dingen, des Entstehens von Interesse und Intimität, Sorge und Gemeinschaft.
Sean Morel hat vor geraumer Zeit das Projekt u gegründet. In Freiburg ist es derzeit mit einer Gruppenschau in der Kaiserwache zu Gast, einem ambitionierten Ort des Nachdenkens über das Verhältnis von Raum, künstlerischer Praxis und Rezeption, was es definiert und was es in Bewegung setzt. Auch Morel selbst ist mit einer Arbeit beteiligt. Er hat sich in die Eingeweide des Gebäudes begeben und mit einer endoskopischen Kamera das Rohrsystem des ehemaligen Toilettenhäuschens abgefilmt, das 1777 als Wachgebäude an der zentralen Brücke der Stadt erichtet worden war, nach Beschädigungen in beiden Weltkriegen dann umgewidmet wurde und in den 1990er beliebter Cruising-Ort war, bevor es dann für lange Zeit geschlossen wurde und verfiel. Seit 2021 wird die Kaiserwache als Kunstort bespielt.
Aus Morels filmischer Erkundung der unsichtbaren, stillgelegten Infrastruktur dieses historischen Ortes entstand eine Serie von 362 Videostills. Drei davon druckte er aus und zeigt sie nun in zusammenfaltbaren Boxen, die wie Monitore am Boden verteilt stehen: unscharfe Dokumente von Probebohrungen im Kreislauf der Bedürfnisse und des Begehrens. Zugleich wirken diese Boxen wie Varianten der aus Tape konstruierten project spaces, die Morel als Orte der Auseinandersetzung über das Ausstellen abseits kommerzieller Orte oder etablierter Institutionen nutzt – also des Ausstellens an Orten wie der Kaiserwache.
Jan Domicz (*1990) zeigt in allen drei Räumen lebensgroße Pappaufsteller von Personen, die wie im Augenwinkel verschwommen gerade durch den Raum hasten oder sich wegdrehen. An den Wänden schweben dazu Gedichte von CAConrad (*1966) in laubblattartigen Satzformen auf dem Putz. Mittendrin steht eine farbige Bank von Gina Folly (*1983). Sie gehört zu einer Serie von Bänken, welche die Basler Fotografin mit Namen von Unternehmen bedruckte, die bis heute analoge Filme produzieren – gewissenmaßen als Ruheorte für eine ins Alter gekommene Technologie, für die Rentner*innen der Bildproduktion. Flankiert wird das Setting von einer Girlande aus Haarsträhnen, die sich die kanadische Konzeptkünstlerin Germaine Koh (*1967) alle zwölf Monate abschneidet und zu Jahrgängen vernäht. Von schwarz zu grau, von dicht zu licht feiert diese intime Arbeit auf fast schon rituelle Weise die Transformation, die Leben bedeutet, das unaufhaltsame Wachsen, die Veränderung von Zellstruktur und Pigmentierung, aber auch die gespeicherte Erinnerung, nachhaltig und unzerstörbar.
Auch der in Texas lebende Künstler Devin T. Mays (*1985) widmet sich in seiner Arbeit „Held“ der Materalisierung der unsichtbaren Bedingungen menschlicher Produktivität. Mays hat Luft beigesteuert, in Galveston bei Houston eingeatmet, um damit mehrere Dutzend Partyballons zu füllen, die er mit älteren Ballons aus früheren Ausstellungen in einer Kiste verpackte und per FedEx nach Freiburg schickte. In der Kaiserwache tummeln sie sich nun in zwei ehemaligen Klokabinen, prall gefüllt oder deutlich verschrumpelt. Dieses prekäre Archiv von Künstleratem wäre ohne die Photosynthese der Bäume nicht denkbar. In Mays’ Lungen zu Kohlendioxid verwandelt und mit maximalem Logistik- und Ressourcen-Aufwand um die Welt geschickt, greift es wiederum massiv in die Grundlagen nicht nur menschlichen Lebens ein.
So gesehen fühlt sich diese Ausstellung auf engstem Raum an wie die abenteurliche Reise durch einen umweltlich verstrickten Körper, angetrieben von der Idee, Erinnerungsspuren zu sammeln, zu sichern und sichtbar zu machen. Die Grenze zwischen Innen und Außen erscheint hier nicht zufällig in Auflösung. Sie war schon immer eine Fiktion.







