Cassidy Toner, Besides the Point: Cartoons in Keramik

Cassidy Toner
Cassidy Toner, aus der Serie: Leaning on me #1-#16, 2025, Courtesy the artist & PHILIPPZOLLINGER, Zurich, Foto: Samuel Bramley
Preview > Basel > Kunstmuseum Basel
21. Dezember 2025
Text: Dietrich Roeschmann

Cassidy Toner: Besides the Point.

Kunstmuseum Basel / Hauptbau, St. Alban-Graben 16, Basel.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 11. Januar 2026.

www.kunstmuseumbasel.ch.

Zur Ausstellung ist eine Edition erschienen: Cassidy Toner, Hands Up, Bolo Publishing, Basel 2025, 29 Franken.

Cassidy Toner
Cassidy Toner, En Garde, 2025, Videostill, Courtesy the artist & PHILIPPZOLLINGER, Zurich, Foto: Samuel Bramley
Cassidy Toner
Cassidy Toner, It looks nice outside, 2025, Courtesy the artist & PHILIPPZOLLINGER, Zurich, Foto: Samuel Bramley
Cassidy Toner
Cassidy Toner, aus dem Künstlerinbuch „Hands on“, 2025, Courtesy the artist & PHILIPPZOLLINGER, Zurich, Foto: Samuel Bramley

Wenn Cassidy Toner (*1992) ins Museum geht, kann sie nicht anders, als all das wahrzunehmen, was hier definitiv nicht im Fokus steht, aber eben doch anwesend ist: Die Welt neben und hinter den Bildern. Ihr hat Toner kürzlich die Videoarbeit „En Garde“ gewidmet, in der ein Aufseher im Kunstmuseum Basel seinen Arbeitsalltag performt („Please, don’t touch!“) – und was dieser so an Erschöpfungen, Eskalationsfantasien und eigenwilligen Beziehungen zu Kunstwerken und Besuchenden bereithält. Toners Arbeiten feiern die Poesie der Überforderung und die produktive Kraft des Scheiterns. Ihr bevorzugtes Medium ist dabei eigentlich die Keramik. Und das nicht ohne Zufall: Was die Hand formt, kann im Ofen schnell mal ungeplante Wege gehen.

Im vergangenen Jahr erhielt die in Basel lebende US-Amerikanerin den Manor Kunstpreis. Für ihre damit verbundene Soloschau „Besides the Point“ hat sie den hellen Erdgeschosssaal im Hauptbau des Kunstmuseum Basel nun in ein Skulpturenkabinett verwandelt, in dem die Sockel so dicht beieinander stehen, dass man in jedem Moment die Gefahr im Rücken spürt, bei einer unbedachten Bewegung eine dieser hinreißenden Keramiken umzustoßen, die darauf hocken und traurig in die Welt schauen. Sie haben guten Grund, melancholisch zu sein. Die meisten wurden einfach vergessen, verlassen oder verloren. Da sitzt ein Schlüssel, der nicht weiß, zu welchem Schloss er gehört. Eine Obsttüte hat sich kopfüber an einem Pfahl verfangen, Löwenkostüme hängen als leere Hüllen über Steinsockeln. Und dazwischen stehen immer wieder Baumstümpfe, in leuchtenden Farben glasiert, mal mit einer Schlange, die sich verführerisch die Rinde hochwindet, mal mit weißem Handtuch, zum Trocknen aufgehängt. Cassidy Toner hat sie zu einer kleinen Typologie antiker Statuenstützen sortiert, die von den Heldenfiguren, die an ihnen Halt suchten, verlassen wurden. Auch Geld ist hier allgegenwärtig. Die bedrückten Gesichter der Münzen und Banknoten lassen ahnen, dass sie niemand fragen wird, wie es ihnen geht, weil sie nicht als Individuen wahrgenommen werden, sondern lediglich als abstrakte Tauschmittel, um die Wünsche anderer zu erfüllen – und damit das System am Laufen halten, das sie im Unglück ihrer eigenen Unsichtbarkeit gefangen hält. 

Cassidy Toners Empathie mit den Dingen im Abseits hat etwas Komplizenhaftes. Sie selbst beschreibt ihre Keramiken als „New Yorker-Cartoons für Analphabeten“, erdacht von einem „Kunstgeschichte-Nerd“ mit Hyperfixierung auf die kleinen Dinge. In „Besides the Point“ speist sich ihr Humor aus der Beobachtung, dass die Attraktionen im Museum – die kanonischen Kunstwerke – nichts wären ohne die vielen helfenden Hände, Bodyguards und Supportsysteme wie Licht, Sockel oder Texte, die den Zugang zu ihnen ebnen und zugleich eine klare Grenze zwischen Kunst und Alltag ziehen. Was ohne diese Grenze passieren könnte, stellt sich Toner in einer Schwarz-Weiß-Zeichnung vor, die sie als wandfüllende Kulisse im Saal tapeziert hat. Ameisen tragen dort Kirschen, Brot und Wein von der Picknickdecke aus Édouard Manets Gemälde „Frühstück im Grünen“ heraus, das als schlechte Xerox-Kopie auf Kniehöhe knapp über der Fußleiste platziert ist. Dazu lungern unweit davon auf einem Sockel sieben Schrauben aus Keramik, wie zum Mittagsschlaf nach dem Essen aneinander geschmiegt, als würden sie Manets Picknickgesellschaft persiflieren. Als Verbindungselemente aus dem Baumarkt schlagen sie auch die Brücke zu der Installation „Back to five“ im letzten Saal, einem disparaten Stillleben aus verstreut im Raum herumliegenden Werkzeugen, Noppenfolie, Stiften und einer Büchse Ameisen-Ex, aus Kunstharz gegossen und akkurat bemalt als simulierte Readymades in einer simulierten Aufbausituation. Eine ähnlich enthusiastische und zugleich selbstironische Perspektive auf das Handgemachte nimmt Toner auch in ihrer limitierten Publikation zur Ausstellung ein. Für das Magazin „Hands on“ fotografierte sie sich selbst dabei, wie sie Körper im öffentlichen Raum anfasst – auf Plakaten. Dass ihre Hand hier lediglich Papier berührt, nimmt der Geste nicht ihre irritierende Direktheit.