Niki. Kusama. Murakami. love you for infinity.
Sprengelmuseum, Kurt-Schwitters-Platz, Hannover.
Dienstag, Mittwoch, Freitag, Samtag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 14. Februar 2026.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Sprengel Museum, Hannover 2025, 268 S., 39 Euro.
[—artline>Nord] „Ich zeige alles. Mein Herz, meine Gefühle. Grün, Blau, Rot, Gelb, alle Farben. Ich zeige Furcht, Wut, Lachen, Zärtlichkeit in meinem Werk.“ Niki de Saint Phalle (1930-2002), Schöpferin der Nanas, Protagonistin der Neuen Realisten und Vorreiterin einer immersiven Kunst, die bereits in den 1960er Jahren Besucher:innen in ihre Projekte einbezog, ist das Epizentrum einer Ausstellung, die sich zum Publikumsmagneten entwickelt hat. Sinnlich, poetisch, farbenfroh, nimmt sie es mit den Arbeiten der japanischen Superstars Yayoi Kusama (1929) und Takashi Murakami (1962) auf. Ein verblüffender Trialog.
Anlass für die Ausstellung ist das 25-jährige Jubiläum einer Schenkung, mit der Niki de Saint Phalle im Jahr 2000, zwei Jahre vor ihrem Tod, das Sprengel Museum zur Institution mit der weltweit größten Sammlung ihrer Werke machte. Seit sie 1974, zunächst unter massiven Protesten, drei Nanas in der Innenstadt aufgestellt hatte, blieb ihre Verbindung zu Hannover leidenschaftlich und eng. Unnahbarkeit war ihr ein Gräuel. Sie war aufgewachsen in der unterkühlten Atmosphäre einer Bankiersfamilie in New York. Als 11-Jährige hatte der Vater sie missbraucht. Die Hinwendung zur Kunst war ein Akt der Befreiung aus einer psychischen Krise.
Im Sprengel Museum ist ihren frühen Schießbildern, den „Tirs“, ein zentraler Raum gewidmet. Wenn Niki mit einem Gewehr auf ihre Assemblagen schoss, in denen sie neben martialischen Alltagsgegenständen auch Farbbeutel eingegipst hatte, dann ergoss sich die Farbe wie Blut über die weißen Flächen. „Ich schoss auf mich selbst, die Gesellschaft mit ihrer Ungerechtigkeit und die Gewalt der Zeit.“
Dass sich hinter poppig-bunten Oberflächen seelische Abgründe auftun, ist das entscheidende Moment, das Niki, Kusama und Murakami verbindet. Letzterer hat mit einer monumentalen „Wallpaper“-Wand aus lachenden Emoji-Blumen einen spektakulären Auftritt im Eingangsbereich. Im letzten Saal kontert eine Leinwand mit einem Allover aus bunten Totenschädeln den heiteren Eindruck. Ein Memento Mori, ähnlich ambivalent wie Takashi Murakamis goldglänzende Penis-Skulptur, versehen mit einem Emoji-Lachen, die durch ihre pilzähnliche Form und den Titel „Mr. Big Mushroom“ an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erinnert. Nur durch einen glücklichen Zufall war die Mutter des Künstlers als Kind der Nuklearkatastrophe entgangen.
Der weitläufige Ausstellungsparcours ist nach Stichworten gegliedert, die eine vage Deutungsspur legen: Liebe, Monster, Merchandise, Utopie, Unendlichkeit. Unter dem Motto „Sexualität“ trifft Murakamis Phallus-Symbol „Mr. Big Mushroom“ auf Yayoi Kusamas „Soft Sculptures“, weiche, phallische Formen, mit denen sie in den 1960er Jahren raumgreifende Environments ausstattete, in die sie selbst eintauchte. Sexuelle Obsession und Angst vor Sex gehören bei ihr zusammen. Ihr Werk kann als Prototyp feministischer Performancekunst gelesen werden – darin Niki ähnlich – und ist zugleich Ausdruck einer Mentalität, die zwischen Selbstauslöschung und der Vision einer Welt als unteilbarem Ganzen schwankt. Seit 1977 lebt Kusama aus freien Stücken in einer Tokioter Psychiatrie, auch als 96-Jährige noch produktiv. Ihr „Infinity Mirror Room“, in dem Entgrenzung in kaleidoskopischen Spiegelungen erfahrbar wird, gehört zu den eindrucksvollsten Werken der Schau. Auch das ist schließlich eine Korrespondenz der drei künstlerischen Positionen: die Sehnsucht nach Unendlichkeit, nach Überwindung der Grenze zwischen Leben und Tod. „La mort n’existe pas. Life is eternal“ heißt es am Ende in einem märchenhaften Siebdruck von Niki de Saint Phalle.






