Joseph Beuys, Bewohnte Mythen: Mit Filz und Hase gegen Traumata

Joseph Beuys
Joseph Beuys – Bewohnte Mythen, Ausstellungsansichten Kunsthalle Tübingen, © Joseph Beuys Estate / VG Bild-Kunst, Bonn 2025
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18. Dezember 2025
Text: Anne Abelein

Joseph Beuys. Bewohnte Mythen.
Kunsthalle Tübingen, Philosophenweg 76, Tübingen.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 8. März 2026.

Joseph Beuys
Joseph Beuys – Bewohnte Mythen, Ausstellungsansichten Kunsthalle Tübingen, © Joseph Beuys Estate / VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Joseph Beuys
Joseph Beuys, Hasenfrau, undatiert, um 1985 © Joseph Beuys Estate / VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland / Kai Werner Schmidt
Beuys Leonie Louisa Adam
Leonie Louisa Adam, Pelz, 2024, © Leonie Louisa Adam, Foto: Ulrich Metz

Nach den traumatisierenden Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs suchte nicht allein Joseph Beuys (1921-1986) nach Halt in Spiritualität und alten Mythen. So unterstreicht es die Beuys-Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen „Bewohnte Mythen“, die den „Künstlerschamanen“ in die Nachkriegskunst einordnet: Willi Baumeister (1989-1955) schuf archaische Sandreliefs, Hermann Nitsch (1938-2022) führte Rituale durch, und Richard Oelze (1900-1980) und Fritz Winter (1905-1976) wandten sich der Natur zu. Joseph Beuys schuf eine Art Kunstreligion aus mythologischen, alchemistischen und anthroposophischen Elementen.

Aus welchem Mythenreichtum er dabei schöpfte und wie sensibel er sich in die Tier- und Pflanzenwelt einfühlte, zeigen zarte Zeichnungen aus den 1950er Jahren: Ob mit Bleistift, Aquarell, Öl- und Wasserfarbe oder Tusche und Tinte – behutsam skizzierte er Motive aus der Sagen- und Märchenwelt wie Nornen, Zwerge oder Grimms Gänsemagd. Er empfand auch zeichnerisch die Ausstrahlung von kulturhistorischen Stätten nach und versuchte 1968 gar, mit der Skulptur „Erdtelefon“, ins Transzendente vorzudringen. Der heilpflanzenkundige Beuys nobilitierte Kamillentee mit einem Stempel als Kunstwerk und nutzte Pflanzensäfte, waren doch seiner Auffassung nach Menschen und Pflanzen durch gemeinsame unsichtbare Lebenskräfte miteinander verbunden.

Eine besondere Beziehung pflegte Beuys außerdem zu Tieren, wie Zeichnungen von Hirsch, Elch und Zwitterwesen belegen. Er glaubte, dass das sinnliche-instinktive Empfinden des Tieres auch dem Menschen zu eigen war und sein Denken erweitern konnte. Höhepunkt von Beuys Tierbegegnungen war die Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ (1965), in der er provokativ demonstrierte, dass ein toter Hase immer noch mehr Intuition aufweist als ein rein rationaler Mensch. Sie ist in einem Video zu erleben. Einerseits war er mit dieser Aktion und der Gründung einer Partei für Tiere seiner Zeit voraus und nahm den Animal Turn in den 90ern vorweg. Die Schau weist aber auch auf die heutige Perspektive der Human-Animal-Studies hin, welche fragt, ob der Hase nicht eigentlich im Abspann genannt werden müsste und ob Beuys das Tier nicht auf eine rein dienende, ikonografische Funktion reduzierte.

Bei Aktionen wie dieser verstand sich Beuys als Schamane. Ziel seiner rituellen Praktiken war neben Provokation Katharsis, um Kriegserfahrungen zu heilen. Pate für seine Ideen waren Sigmund Freud und C. G. Jung. Ebenfalls von Jung inspiriert setzte sich Beuys in archetypischen Frauenzeichnungen mit dem Weiblichen auseinander, das für ihn das Einfühlende gegenüber dem männlichen, harten Intellekt verkörpert, den er mit Hilfe des Weiblichen transzendieren wollte. Einerseits trat Beuys durchaus fortschrittlich auf der Documenta 1972 für ein Hausfrauengehalt ein, seine polare Geschlechtervorstellung unterscheidet ihn aber von heutigen feministischen und queeren Perspektiven.

Einer Dokumentation von Beuys’ großer politischer Aktion „Stadverwaldung statt Stadtverwaltung“ von 1982 auf der documenta in Kassel begegnet man im letzten Raum der Schau. Für eine Spende von 500 Mark konnte man damals einen Baum pflanzen lassen; eine Ausstellung zur Unterstützung fand 1985 auch in der Kunsthalle Tübingen statt. Joseph Beuys war Gründungsmitglied der Grünen, zog seine Kandidatur für sie aber zurück. Doch dank seines „erweiterten Kunstbegriffs“ und seiner Idee einer „sozialen Plastik“ wirkte er dennoch in die Gesellschaft hinein. Dass Joseph Beuys auch heute noch inspiriert, zeigt die an ihn angelehnte, aber unabhängige Schau „Körperdecke“ mit Studierenden an der HBKsaar der Kunsthallen-Leiterin Nicole Fritz. Die Arbeiten finden sich in einer Pop-up-Galerie in der Marktgasse 3 und an verschiedenen anderen Stationen in Tübingen. Sie greifen Beuys’ Tierliebe, die Performance-Praxis und die Idee der erweiterten Plastik auf und spielen auf seine bevorzugten Materialien wie Filz und Fett an.