Haegue Yang, Leap Year: Präzision und Poesie

Haegue Yang
Haegue Yang, The Intermediate – Weary Bell Bottom Hairy Hug Senior, 2018 (l.), The Intermediate – Dancing in Woven Masks, 2015 (r.), Ausstellungsansicht „Haegue Yang: Leap Year“, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, 2025. Foto: Studio Stucky
Review > Zürich > Migros Museum für Gegenwartskunst
17. Dezember 2025
Text: Dietrich Roeschmann

Haegue Yang, Leap Year.
Migrosmuseum für Gegenwartskunst, Limmatstr. 270, Zürich.
Dienstag bis Sonntat 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 18. Januar 2026.
www.migrosmuseum.ch

Natürlich muss niemand den direkten Weg in die Räume des Zürcher Migros Museum nehmen, wo nach London und Rotterdam jetzt die letzte Station der Retrospektive von Haegue Yang (*1971) zu sehen ist. Doch es nicht zu tun, sondern den Seiteneingang zu wählen, würde bedeuten, Wesentliches zu verpassen. Der klirrende Lärm des Schellenvorhangs, der einen beim Eintreten in den ersten Saal umgibt, sirrt noch Minuten später in den Ohren. Haegue Yang ließ sich dafür vom Sound spiritueller Rituale inspirieren, die von Schamanen praktiziert werden, um Brücken zwischen Mensch, Natur und Geisterwelt zu schlagen. Yang teilt mit ihnen die Zuversicht, dass die Überwindung von  Grenzen, ob mental oder physisch, den Horizont der eigenen Wahrnehmung erweitert. Seit sie 1994 aus Seoul zum Kunststudium nach Deutschland kam, arbeitet sie genau daran, mit einer unverkennbaren Mischung aus Präzision und Poesie. Und mit dem Wunsch zu erkunden, wie unterschiedlich Veränderung erfahren wird, je nachdem, ob die Gesellschaft, in der man lebt, einem vertraut ist oder fremd. 

In Zürich sind dazu Arbeiten aus beinahe drei Jahrzehnten versammelt. Die weitläufigen Säle bieten Platz für ganze Ensembles aus großen Werkgruppen wie den Wascheständer-Skulpturen „Non-Indépliables“ von 2010, lockeren Ansammlungen folkloristisch überdrehter „Intermediates“ aus Plastikstroh (seit 2015), die die gemeinschaftsbildende Funktion von Handwerk in den Blick rücken, oder einem wuchtigen „Storage Piece“ aus Getränkekisten und sauber verpackten Kunstwerken, 2004 während einer Residency in London aus Raumnot entstanden und seither – wie auch jetzt in Zürich – immer wieder entpackt und neu verschnürt als performative Meditation über das wahre Leben von Kunstwerken abseits des Ausstellungsbetriebs. Auch ansonsten prägt Haegue Yangs Auseinandersetzung mit der Minimal Art eine leise Ironie – von der Dokumentation geschlossener Verkaufsstände im Video „Holiday Story“ bis zu den mobilen Jalousien-Installationen, die sie Ikonen wie Sol LeWitt widmet, oder als „Dress Vehicles“ von Performern vor hybriden Porträtcollagen aktivieren lässt, zusammengesetzt aus Fragmenten historischer Persönlichkeiten wie Petra Kelly, Igor Stravinsky und dem südkoreanischen Revolutionär Kim San. Zu den ältes­ten und zugleich unscheinbarsten Arbeiten dieser Retrospektive gehören die schönen Texte der Serie „Bathroom Contemplation“, einer Art Doppeltagebuch über das Erleben von Entfremdung und Zugehörigkeit zwei sich liebender Personen, im Jahr 2000 entstanden zusammen mit Haegue Yangs Mutter, der Schriftstellerin Misoon Kim, anlässlich des ersten Besuchs bei ihrer Tochter in Deutschland.