Mal er, mal sie. Artur Stoll und Olga Jakob. Flüchtig wie ein Gerücht

Olga Jakob, Ondit Murmur, 2025, Ausstellungsansicht aus "Mal er. Mal sie. Artur Stoll und Olga Jakob" im Museum für Neue Kunst, Freiburg, 2025, Foto: Bernhard Strauss, © Olga Jakob
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15. Dezember 2025
Text: Dietrich Roeschmann

Mal er, mal sie – Artur Stoll und Olga Jakob.

Museum für Neue Kunst, Marienstr. 10a, Freiburg.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donneratag 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 12.4.

Begleitprogramm unter museen.freiburg.de
olgajakob.de

Artur Stoll, Graue Balken, 1986, Courtesy Museum für Neue Kunst
Olga Jakob, Fama, 2023, Ausstellungsansicht aus "Mal er. Mal sie. Artur Stoll und Olga Jakob" im Museum für Neue Kunst, Freiburg, 2025, Foto: Bernhard Strauss, © Olga Jakob
Artur Stoll, aus dem Zylkus: Wunderblume, 1987, Courtesy Museum für Neue Kunst
Olga Jakob, Ondit Murmur, 2025, Ausstellungsansicht aus "Mal er. Mal sie. Artur Stoll und Olga Jakob" im Museum für Neue Kunst, Freiburg, 2025, Foto: Bernhard Strauss, © Olga Jakob

Olga Jakob hat aufregende Wochen hinter sich. So aufregend, wie die Suche nach einer malerischen Form nur sein kann, die ihr erst dann perfekt erscheint, wenn sie sich ständig verändert, in neue Zustände kippt, außer Kontrolle gerät. Für diese experimentelle Erkundung der Entfaltung des Bildes im Raum hat die Kölner Künstlerin in ihrem Atelier zuletzt viel Material zusammengepackt, vor allem: Ballenweise Gaze-Stoffe, präpariert mit aufgekleisterten Seidenpapieren, die dem Textil eine knusprige Haptik verleihen und es mit großflächigen Rasterstrukturen überziehen. In der Ausstellung „Mal er, mal sie“, die derzeit im Museum für Neue Kunst in Freiburg zu sehen ist, hat Olga Jakob diese Ballen nun zu raumgreifenden Hybriden zwischen Bild, Objekt und Situation entfaltet und lässt sie in einen spannungsreichen Dialog mit einer Auswahl farbsatter Leinwände des Malers Artur Stoll (1947-2003) aus der Sammlung des Freiburger Morat-Instituts treten.

Für Olga Jakob ist der direkte Austausch mit einer malerischen Position der Achtzigerjahre eine Premiere. Die Idee dazu entstand während eines Künstlergesprächs im Museum für Neue Kunst, das zwei Arbeiten von Olga Jakob angekauft hatte. „Malerei ist für mich die Gestaltung von Raum durch Form und Farbe“, sagte sie damals, „auch wenn es die Sprengung des klassischen Bildformates bedeutet und der Ausstellungsraum zum Teil des Werks wird“.

1985 in Kiew geboren, studierte Jakob ab 2005 Textilgestaltung an der Uni Köln, später freie Kunst in Berlin-Weißensee und schließlich Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, wo sie 2015 bei Helmut Dorner ihren Abschluss machte. Als Malerin habe sie sich schon immer für die Aspekte des Textilen interessiert, sagt Jakob. „Textil ist Träger und Oberfläche zugleich, ein Material, das uns am nächsten ist, ein Vermittler zwischen Körper und Architektur“.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Arbeit „Chessflower“, für die Olga Jakob einen Keilrahmen mit zwei in Grau und Violett schimmernden Recycling-Outdoor-Stoffen bespannt hat. Durch das Entfernen einzelner Fäden aus dem Gaze-Gewebe ließ sie eine Komposition aus opaken und transparenten Flächen entstehen, die den Blick zwischen der Oberfläche des Bildes und dem Raum dahinter in den schönsten Moirées flirren lässt.

Im Museum für Neue Kunst hängt diese Arbeit nun in direkter Nachbarschaft zu Artur Stolls Gemälde „Graue Balken“ von 1987, einem fast schon programmatischen Malerei-Statement, knapp zwei mal zwei Meter groß, farblich im wüsten Grau verwitternden Holzes gehalten, das kalte Winter gesehen hat und sengende Sonne. Der Zoom-Blick auf das Gebälk, das hier immer wieder ins Abstrakte kippt oder in pure Materialschlacht, zeugt von der Unmittelbarkeit und Dringlichkeit, mit der Stoll malte, was er wahrnahm. „Als ich seine Bilder zum ersten Mal sah, fiel mir sein sinnlicher Umgang mit Farbe als Materie auf“, sagt Olga Jakob. „Das wirkt fast textilartig, alles ist verwoben und durchgearbeitet, wie eine Tapisserie“.

Diese Assoziation ist kein Zufall. Olga Jakob denkt Malerei in Kategorien des Raumes und das Bild grundsätzlich über die Begrenzung des Rahmens hinaus. Da ist es nur konsequent, dass sie die Besuchenden im Museum für Neue Kunst dazu einlädt, auch selbst Teil des Bildprozesses zu werden. Eigenhändig dürfen sie die leise knisternden Gazebahnen der Installation „Ondit murmur“ an ihren Aufhängungen durch den Raum bewegen und so als Bild immer neu gestalten. Das Berühren der Stoffe triggert dabei auf subtile Weise Fragen nach dem Gelingen und Scheitern, nach dem Verhältnis von Kunst, Respekt und Intimität oder der Verletzlichkeit der Grenze zwischen Kunst und Alltag. Auch das Konzept der Teilhabe steht hier zur Debatte. So könnte die Idee der Beteiligung auch einschließen, einfach anzuerkennen, dass es gut ist, wie es ist. Denn auch dazu braucht es Beteiligung, aktives Sehen. Dann wird schnell klar, dass ohnehin nichts jemals abgeschlossen ist und sich immer alles weiterentwickelt.

Und während Olga Jakob von der Prozesshaftigkeit ihrer Arbeiten erzählt, vom Abgeben der Kontrolle und vom Vertrauen in das Material und die Besuchenden, bricht wie zum Beweis draußen die Sonne aus den Wolken und taucht den Raum in ein intensives Licht, das sich in den zarten Pastellfarben der Gazebahnen verfängt, die zu schweben scheinen, mehr Figur als Skulptur, begleitet von ihren flüchtigen Schatten, zwischen Undurchlässigkeit und Transparenz. Es fällt schwer, über diesem Schauspiel die nächsten Räume nicht zu vergessen, in denen Artur Stolls eindringlicher „Wunderblumen“-Zyklus in vier Großformaten mit Olga Jakobs Arbeit „Fama“ kommuniziert, die wie das Standbild einer vom Wind getriebenen dunklen Wolke im Raum verharrt.

Übrigens: Auch Artur Stolls Bilder sind in dieser Dialogschau Bewegung. Im Lauf der Ausstellung dürfen Besuchende den 17-teiligen Zyklus „De Norso“ an je zwei Tagen vom Museums-Team zu ihrer eigenen Bild-Erzählung umhängen lassen.