Fadri Cadonau

Fadri Cadonau
Fadri Cadonau vor seiner Installation „Das Dach über dem Kopf“, 2024, Bündner Kunstmuseum, Chur, Courtesy the artist, Foto: Yanik Bürkli
Porträt
13. Dezember 2025
Text: Annette Hoffmann

Fadri Cadonau. Ausstellung zum Kunstpreis des Bündner Kunstvereins.
Bündner Kunstmuseum, Bahnhofst. 35, Chur.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
14. Dezember 2025 bis 25. Januar 2026.
www.buendner-kunstmuseum.ch

Fadri Cadonau
Fadri Cadonau, Videostill, 2025, Bündner Kunstmuseum, Chur, Courtesy the artist
Fadri Cadonau
Fadri Cadonau, Silbriger Lehm, 2024, Courtesy the artist
Fadri Cadonau
Fadri Cadonau, Das Land in dem Milch und Honig überfloss, 2023, Courtesy the artist

Die Installation „Das Dach über dem Kopf“, die Fadri Cadonau (*1996) auf der Jahresausstellung 2024 zeigte, war nicht das erste und nicht das letzte Haus, das im Bündner Kunstmuseum in Chur zu sehen war. Was war in Graubünden zuerst da? Die Kunst oder Architekten wie Peter Zumthor und Gion A. Caminada, die ihre Vorstellungen vom Bauen längst in die Welt getragen haben? Die Landschaft legt nahe, mit den Ressourcen zu wirtschaften. In Duvin im Val Lumnezia etwa steht ein Holzhaus, das Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut wurde. Fadri Cadonaus Großvater kommt aus dem Dorf, das keine hundert Seelen zählt. 1996, zwei Jahre vor Cadonaus Geburt, baute der Architekt Caminada in Duvin ein Schulhaus, das die regionale Strickbauweise zitierte und das aus lokalem Lärchenholz besteht. Nach Reisen und längeren Aufenthalten im Ausland ist Cadonau Anfang 2025 in das Dorf zurückgekehrt. Hier hat er Platz und Konzentration.

„Das Dach über dem Kopf“ ist nicht nur ein Haus, es ist eine Matrjoschka von Haus. Denn dieses einfach gehaltene Gebäude aus rohen Gipsplatten ist gleichermaßen eine Skulptur und eine Koje. Cadonau zeigte darin ein Video, das während eines längeren Aufenthaltes in Buenos Aires entstanden war. Man sieht den Künstler in neonfarbener Warnweste mitten auf einem Zebrastreifen das Modell eines Hauses aus Holzlatten aufbauen. Arbeiter müssen die rot-weiß gestreiften Absperrungen einfach liegen gelassen haben. Cadonau klappt das Dach aus, sichert es an den Seiten mit Kabelbindern. Es ist offensichtlich ein Haus, wenn auch ein prekäres, aber auch eine Störung im Straßenverkehr. Die Autofahrerinnen und -fahrer nehmen es anscheinend gelassen, sie umkurven es. Niemand hupt oder rastet aus, die Argentinierinnen und Argentinier scheinen trainiert in der Akzeptanz des vermeintlich Unausweichlichen.

Doch es bedeutet einen Unterschied, ein Haus in einem Museum in Chur zu bauen oder auf einer Kreuzung in Buenos Aires. Nicht alle können sich Gedanken über gutes Bauen machen, in der Hauptstadt von Argentinien ist die Obdachlosigkeit hoch, nicht jeder hat also ein derartiges Dach über dem Kopf. Seit Javier Milei an der Macht ist, sinkt zwar die Inflation, aber eben auch die Kaufkraft. Cadonau, der in Zürich an der F+F Schule für Gestaltung studiert hat, wurde für „Das Dach über dem Kopf“ im Januar 2025 mit dem Kunstpreis des Bündner Kunstvereins ausgezeichnet. Der Preis ist mit einer Einzelpräsentation verbunden. Die Präsentation im sogenannten Labor des Bündner Kunstmuseums wird sich mit Wahrnehmungen befassen.

Fadri Cadonau mag vielleicht nicht an die verändernde Kraft der Kunst glauben, doch spielt das Politische in seinen Arbeiten nichtsdestotrotz eine bedeutende Rolle. So beobachtete er auf Demonstrationen in Paris, dass das Material von angezündeten Aluminium-Abfalleimern schmolz und sich in den Asphalt hineinfraß. Cadonau kam wieder, und schlug es mit einem Hammer aus dem Straßenbelag heraus. Die Objekte tragen vielleicht immer noch etwas von der Energie des Protestes in sich. 2020 malte er bei einer Gruppenausstellung im Raum Cularta in Laax, die die junge Bündner Kunstszene vorstellte, eine Arbeit auf die Wand, die eine Überfahrt mit dem griechischen Fährmann Charon darstellte. Der Fährmann, ein zeitgenössischer Schlepper, war ebenso eine Silhouette wie die Flüchtenden, die sich ihm anvertrauten und auf ein besseres Leben in Europa und ein Dach über dem Kopf hofften. Empfangen wurden sie vom dreiköpfigen Höllenhund Kerberos.