Keta Gavasheli

Keta Gavahsheli
Keta Gavasheli, In the middle of the blank page, 2024 Detail, Ausstellungsansicht „Voice Note“ LC Queisser, Tblissi, 2024, Foto: Angus Leadley Brown
Porträt
24. November 2025
Text: Dietrich Roeschmann

Keta Gavasheli: Closer.
Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, Mannheim.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
4. Dezember 2025 bis 22. Februar 2026.
kuma.art

Keta Gavasheli
Keta Gavasheli, In the middle of the blank page, 2024, Ausstellungsansicht „Voice Note“ LC Queisser, Tblissi, 2024, Foto: Angus Leadley Brown
Keta Gavashvili
Keta Gavasheli, Dear O (1), Edition, 2023, Courtesy Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf
Keta Gavasheli
Keta Gavasheli, Dear O (4),Edition, 2023, Courtesy Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf

Auf spiegelndem Grund steht eine transparente Architektur aus Kassettenhüllen. Die Tonträger fehlen, die Cover ebenso, stattdessen haben sich vereinzelt Blätter darin verfangen, wie nach einem Herbststurm, oder auch ein Filmstreifen mit vier, fünf Frames. Abgespielt sind das gerade mal zwei Zehntelsekunden, wenn überhaupt. Also fast nichts. Aber genau darum geht es Keta Gavasheli in ihrer Installation „In the middle of the blank page“, die sie kürzlich in der Galerie LC Queisser in Tblissi zeigte – um dieses eben noch nicht Anwesende und schon wieder Abwesende, das dennoch seine Spur hinterlässt, als Sound, Material. Sie sagt: „Worte werden zu Klang, dann zu Tonbändern und diese zu Objekten“. Welche wiederum auf andere Orte verweisen oder auf andere Gegenwarten. In einer der Plastikhüllen ruht zum Beispiel ein Schlüssel, zu dem es vermutlich irgendwo eine Tür gibt oder gegeben hat, vielleicht auch nur in unserer Vorstellung. In einer anderen liegen Beruhigungstabletten, als möglicher Hinweis auf einen erlebten oder bevorstehenden Ausnahmezustand. Oder die lückenhafte Tracklist des Albums „The Score“ von den Fugees. Warum fehlen hier einzelne Songs, was erzählen die Leerstellen? Gavasheli sagt: „In der Sprache gibt es immer Stille. Stille im Klang ist wichtig. Sie markiert das Ende eines Satzes und den Beginn eines anderen. Sie sind auch physische Unterbrechungen.“

Es sind diese Zwischenräume, in denen sich Wahrnehmung formt, beeinflusst von Erinnerung, Erfahrung und Erwartung, denen Keta Gavasheli in ihrer Arbeit nachspürt. 1990 in Tblissi, Georgien, geboren, schloss sie dort zunächst ein Architekturstudium ab, bevor sie nach Deutschland zog und ab 2018 an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Dominique Gonzalez-Foerster und Ellen Gallagher studierte. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, erhielt 2024 für ihre Abschlussarbeit das Gaul-Stipendium der Kunstakademie Düsseldorf und im vergangenen Mai den Förderpreis der Kunststiftung Rainer Wild, der zusammen mit der Kunsthalle Mannheim vergeben wird. Mit ihrer Ausstellung „Closer“, die sie dort zeigen wird, knüpft sie erneut an das Motiv der Öffnung an, das sie seit Langem beschäftigt, ob als Riss, Lücke, Zwischenraum, als Flaschenhals wie im Video „In the middle of the blank page“ – oder wie in einigen ihrer Bilder, scheinbar ganz profan, als realer Abfluss, sauber eingepasst in die kreisrund ausgeschnittene Leinwand. Die Wirkung dieser geradezu funktionalen Markierung der Öffnung ist bemerkenswert. Sie geht zurück auf eine Beobachtung, die Gavasheli 2020 in einem Text für das Kunstzine WORM­HOLE Newspaper beschrieb: „Ich begann wieder, mitten in der Nacht aufzuwachen. Mit dem gleichen seltsamen Gefühl, dass ich mich von meinem physischen Körper distanzierte. In dieser Nacht wachte ich um 3 Uhr morgens auf. Ich ging ins Badezimmer, das Licht war noch aus, ich ließ kaltes Wasser laufen und stützte mich auf meine Ellbogen, um in den dunklen Abfluss zu starren. Es hatte etwas Unendliches und seltsam Anziehendes an sich (…). Mein Geist floss mit dem Wasser, das mit Schallgeschwindigkeit durch die Rohre und Kanäle strömte. Das gesamte System war – wie ein Kapillarnetz – Teil eines größeren Körpers, den ich durch ein Loch in meinem Waschbecken beobachtete.” Für Keta Gavasheli steht die Öffnung symbolisch für die Verflechtung allen Lebens auf der Erde. In ihrer Ausstellung „Closer“ lauscht die Künstlerin nun der Verflüssigung der Grenzen zwischen dem Bekannten und Unbekannten, dem Wissen und Nicht-Wissen nach, und entwirft dafür analoge und digitale Klang- und Bildschleifen, die sich gegenseitig zu wiederholen scheinen und dabei nach und nach verblassen.