Francisco Sierra, Alfombra: Mit Delphinen in den Sonnenuntergang

Francisco Sierra
Francisco Sierra, Mare e Monti in Mano, 2025, Courtesy the artist, Foto: Sebastien Verdon
Review > Solothurn > Kunstmuseum Solothurn
25. November 2025
Text: Annette Hoffmann

Francisco Sierra, Alfombra.
Kunstmuseum Solothurn, Werkhofstr. 30, Solothurn.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 1. Januar 2026.
http://www.kunstmuseum-so.ch
Katalog bei Hirmer, München 2025, 45 Euro | ca. 61,90 Franken (ab 1.12.).

Francisco Sierra
Francisco Sierra, Alfombra 2025, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn, Courtesy the artist, Foto: Sebastien Verdon
Francisco Sierra
Francisco Sierra, Lazuli, 2025, Courtesy the artist, Foto: Sebastien Verdon

Diese Blütenköpfe tragen die klassischen Farben von Delfter Porzellan. Ein wenig nachlässig sind Augen, Nasen und Münder blau auf den weißen Gesichtern nachgezeichnet. Bei einer der Blüten, die aussehen wie aus Ton ausgestochene Ensor-Masken, geht die Haarpracht über die Begrenzung der Form hinaus. Die Locken sind auf den Hintergrund gemalt. Denn hier ist alles flach. Francisco Sierra (*1977) hat eine weiße Vase mit fünf seltsamen Blüten vor einem weißen Hintergrund gemalt, die behaupten, dass sie etwas schlampig modelliert wurden. Die wulstigen Stiele sind ziemlich wüst in den Vasenhals gestopft worden. Das würde so nie halten.

Schon 2008 fiel Sierra mit einem Grisaille-Stillleben eines schwebenden Teeservices auf, das ein Kind getöpfert haben könnte. Zwei Jahre zuvor war er mit dem Kiefer Hablitzel Preis bedacht worden, im nächsten Jahr wurde er dann bei den Swiss Art Awards ausgezeichnet. Obwohl der gebürtige Chilene, der seit 1986 in der Schweiz lebt, als Maler Autodidakt ist – er hat Musik studiert –, gelang ihm der Einstieg in die Schweizer Kunstszene scheinbar mühelos. Im Kunstmuseum Solothurn, wo derzeit seine Einzelausstellung „Alfombra“ zu sehen ist, sind vereinzelt Arbeiten in die Sammlungshängung „We care!“ integriert. Das 2015 entstandene Bild „De Bloemenkops“, das bereits durch den Titel auf die Niederlande verweist, ist von Stillleben umgeben, von einem holländischen Prunkstillleben und einer Arbeit von Georges Braque. In unmittelbarer Nähe hängt mit „Joint No. 3“ von 2025 eine weitere Arbeit von Sierra. In einem Aschenbecher aus massivem Glas, wie er in jedem Brockenhaus zu finden wäre, glimmt der besagte Joint vor sich hin. Das könnte einiges erklären. Francisco Sierra malte surrealistisch als die Stilrichtung noch nicht wiederentdeckt war. Und er tat es im Hinblick auf die Tradition der Malerei. Auch der Titel seiner Ausstellung „Alfombra“, also Teppich, bezieht sich auf diese. Einerseits reiht er sich in die Hängung ein, die den Teppich als Motiv der mittelalterlichen Malerei, aber auch in einer Zeichnung von Marc Bauer aufgreift. Andererseits hat Sierra eine Reihe von Teppichen mit verschiedenen Verlegearten von Parkett übermalt, auf denen in Plexiglasständern sieben seiner Bilder präsentiert werden. In „Alfombra“ erweitert Sierra die Motivgeschichte der Malerei ins Virtuelle und hin zum Kitsch des Alltäglichen. Empfangen werden die Besucherinnen und Besucher seiner Ausstellung jedoch von der Installation „The Holy Spider“. Als wäre das Spinnenmotiv nicht durch Louise Bourgeois ausgereizt, hat er aus acht geknickten Neonröhren ein riesiges spilleriges Tier in den Raum gesetzt. Es ist ein zugewandter Wächter, Sierra hat den Kopf mit zwei comicartigen Augen und einem schwebenden Heiligenschein versehen. Diese freundliche Nichtbeachtung dessen, was man tut und nicht tut, zeichnet sein Werk aus.

Der letzte Raum seiner Ausstellung wirkt als hätte ihn ein Algorithmus ausgespien. Eine Delphindarstellung reiht sich in verschiedenen Formaten als Bildfries an die nächste. Delfine im Sonnenuntergang, wie sie gerade Wasser ausstoßen, das zu einem Ornament wird, eng aneinandergedrängt wie Ölsardinen, als Maske, und auch nicht schlecht: ein Delphinweibchen mit zwei Jungtieren als keramischer Luftbefeuchter an einer Heizung. Auch im Triptychon „Mare e Monti in Mano“ steckt ein Tier zwischen den Fingern einer Hand, die vor einem Meer zu sehen ist. Diese beiden Bilder umrahmen eine figürliche Darstellung in Keramik von einer Stute mit ihrem Fohlen, die wie Venus aus den Wogen zu steigen scheint. Es gibt nichts, was zu abgeschmackt wäre. Das Triptychon wirkt wie eine Allegorie auf das Malen selbst, als wollte Sierra zeigen, dies sind die Hände, die diese Bilder geschaffen haben. Geht man näher heran, verschwimmen die Motive leicht, die Farbflächen wirken abstrakt. Die Genauigkeit, die aus der Distanz seine Arbeiten charakterisiert, ist eine Illusionstechnik. Die schillernde Glasur der Pferde reine Malerei.