On View. Begegnungen mit dem Fotografischen: Reich an Schauwerten

On View
Thomas Struth, Art Institute of Chicago 2, Chicago 1990, © Thomas Struth
Review > München > Pinakothek der Moderne
3. September 2025
Text: Jürgen Moises

On View. Begegnungen mit dem Fotografischen.
Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 12. Oktober 2025.
www.pinakothek.de

On View
Aenne Biermann, Blick aus meinem Atelierfenster, 1929, Stiftung Ann und Jürgen Wilde
On View
Mame-Diarra Niang, Turn #2, aus der Serie: Call Me When You Get There, 2020, © Mame-Diarra Niang / courtesy the artist and Stevenson, Cape Town, Johannesburg, Amsterdam

Fünf Fotos. Alle Schwarzweiß. Außerdem sind sie teilweise verschwommen. Die Motive darauf: Fünf Menschen, die alle am gleichen Briefkas­ten stehen. Dahinter eine Mauer, Bäume, Büsche. Man könnte sagen: Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Die Fotografien tragen den Titel „Briefkasten“ und stammen aus der Serie „Hundewege. Index eines konspirativen Alltags“ (2012) des Leipziger Fotografen Jens Klein. Gemacht hat Klein die Bilder aber nicht. Sie stammen von einem Stasi-Spitzel. Was man in der zugehörigen Ausstellung „On View“ in der Münchner Pinakothek der Moderne aber nicht direkt erfährt. Dass die Menschen auf den Bildern „on view“ waren, also in dem Fall unter der „Aufsicht“ der Stasi, das wussten sie wahrscheinlich ebenfalls nicht. Unbemerkt vor eine Linse zu geraten, das ist ja heute fast schon Alltag. Und die Dualität zwischen Betrachten und Betrachtet-werden ist ein zentrales fotografisches Moment. Was dabei in den letzten 100 Jahren alles in den Blick kam, das wird in der Ausstellung „On View“ anhand von etwa 250 Werken von mehr als 60 Künstlerinnen und Künstlern aufgezeigt, unterteilt in die Themenbereiche Porträts, Dinge, Landschaften, konstruierte Räume, widerspenstige Körper, Straßenbilder und Dimensionen „hinter den Bildern“. Die ausgestellten Werke stammen aus eigenen Beständen, konkret: aus der Sammlung Ann und Jürgen Wilde, mit einem Schwerpunkt auf der Zeit der Moderne, sowie der Sammlung Fotografie und Zeitbasierte Medien, die bis in die Gegenwart führt.

Heißt also: Man will zum einen zeigen, was man hat, mit der Folge, dass es zahlreiche ikonische Werke zu sehen gibt. Verbunden mit einem finanziellen und ökologischen Bonus, weil man die Schätze nur aus dem Depot hervorholen musste. Zum anderen soll die Schau die technische und gestalterische Bandbreite des Mediums aufzeigen. Was wiederum zu überraschenden Liaisons, einigen Entdeckungen, aber auch zu ein paar unbefriedigenden Lösungen führt. Etwa gleich zu Beginn, wo Thomas Struths großformatiges Metabild „Art Institute of Chicago“ Aenne Biermanns kleinformatigen Blick aus ihrem Atelierfenster doch recht erdrückt. An anderer Stelle ist es ein riesiger Leuchtkasten von Jeff Wall, der unter anderem Kleins „Briefkästen“ beinahe verschwinden lässt. Mit Biermann, Struth und Wall sind wir gleich auch bei den großen Namen. Hinzukommen Bernd & Hilla Becher, Thomas Demand, Candida Höfer, Germaine Krull, der derzeit viel geehrte Wolfgang Tillmans und einige mehr. Aenne Biermann bekommt man sogar mehrfach vors Gesicht. So gibt es neben ihrem Atelierfenster auch das ikonische Mädchengesicht auf dem Bild „Betrachtung“ von 1930 zu sehen sowie ein fotografisches Spiel mit „Spiegelungen“. Auch August Sander und Albert Renger-Patzsch begegnet man mehrfach. Sander mit seinen berühmten „Jungbauern“ und weiteren Porträts. Renger-Patzsch mit neusachlichen „Bügeleisen“, aber auch mit Industrielandschaften aus dem Ruhrgebiet. Solche Wiederbegegnungen gehören ebenfalls zum Reiz der Ausstellung. Wenn man sieht, wie bestimmte Fotografen ihre Prinzipien in verschiedenen Genres durchprobieren.

Bei den „konstruierten Räumen“ erweist sich eine Fotografie von Viktoria Binschtok von 2020 als Entdeckung, auf der sie auf gewitzte Art ein gelbes Taxi und ein Klebeband zusammenbringt. Ähnliches gilt für Wolf Kahlens „Wurfbild“ aus dem Jahr 1971. Eine Collage, für die er, darf man annehmen, eine Kamera mit Selbstauslöser in die Luft warf. Darüber hätte man genauso wie bei Kleins „Briefkästen“ oder Mame-Diarra Niangs während Corona entstandener Konzeptarbeit „Call Me When You Get There“ gerne mehr erfahren. Ober bei der Arbeit von Walid Raad im Kapitel „Hinter den Bildern“, die auf einem Kriegstagebuch von Raads Vater basiert. In solchen Fällen fühlt man sich als Betrachter etwas allein gelassen oder durch die aufgepfropften Themen leicht in die Irre geführt. Aber trotz solch konzeptueller Mängel, lohnt sich bei „On View“ der Blick. Denn an Schauwerten bietet die Ausstellung reichlich.