Pipilotti Rist und Yayoi Kusama: Körper in Auflösung

Yayoi Kusama
Yayoi Kusama, A PUMPKIN, 1991, Foto: Walter Baier, © YAYOI KUSAMA, Courtesy Sammlung Goetz, München
Review > Nürnberg > Neues Museum Nürnberg
29. August 2025
Text: Julie Metzdorf

Pipilotti Rist und Yayoi Kusama.
Neues Museum Nürnberg, Klarissenplatz, Nürnberg.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 21. September 2025.
www.nmn.de

Yayoi Kusama
Yayoi Kusama, The End of Summer, 1980, Foto: Thomas Dashuber, © YAYOI KUSAMA, Courtesy Sammlung Goetz, München
Yoyoi Kusama München
Yayoi Kusama, Walking Piece, 1966, Detail, Foto: Walter Baier, © YAYOI KUSAMA; , Courtesy Sammlung Goetz, München
Pipilotti Rist
Pipilotti Rist, Pickelporno, 1992, Filmstill, © the artist/VG BILD-KUNST Bonn, 2025, Courtesy Sammlung Goetz, München
Pipilotti rist
Pipilotti Rist, Blauer Leibesbrief, 1992/98, Filmstill, © the artist/VG BILD-KUNST Bonn, 2025, Courtesy Sammlung Goetz, München

Eine nackte Frau im Wald. Im schattigen Unterholz liegt sie mitten im Laub auf dem Rücken. Die Kamera fährt dicht über ihren Körper hinweg, von den blonden Haaren über das Gesicht mit den geschlossenen Augen, am Hals entlang und zwischen den Brüsten, an der Scham vorbei und hinab zu den Füßen. Die Haut ist mit leuchtenden Edelsteinen belegt: blaue, grüne, rote. „Blauer Leibesbrief“ heißt das Video der Zürcher Künstlerin Pipilotti Rist (*1962). Die Situation könnte verstörend sein, doch alles wirkt entspannt und friedlich. Ein geschmückter Körper inmitten der Natur. Direkt gegenüber steht eine Installation von Yayoi Kusama (*1929): Ein Tisch und zwei Stühle, über und über bedeckt mit prall gefüllten Handschuhen, so dass sich ihre Finger als phallusartige Wülste zeigen. Dazwischen Kannen und Teetassen und zwei Tafelaufsätze mit allerlei Früchten und Maiskolben: ein in seiner Üppigkeit barock wirkendes Ensemble in Rot und Weiß, strotzend vor Energie, aber auch ein bisschen gruselig, wie da hunderte Hände aus den Möbeln wachsen.

Auf den ersten Blick erscheinen die beiden Künstlerinnen sehr unterschiedlich. Die 96-jährige Japanerin Yayoi Kusama ist seit den 1960er Jahren dafür bekannt, ihre Umgebung mit Polka-Dots zu überziehen. „Die Punkte gehen zurück auf Kusamas Kindheit“, sagt Kuratorin Cornelia Gockel von der Sammlung Goetz. „Ihre Mutter hatte offenbar von ihr verlangt, ihrem Vater hinterherzuspionieren. Das hat Ängste in ihr ausgelöst und sie bekam diese Halluzinationen, in denen die ganze Welt voller Punkte war, Menschen, Tiere, Umgebung. Das war einerseits eine beängstigende Erfahrung, andererseits hat sie die Vorstellung gehabt, dass es keine Grenzen mehr gibt, dass die Punkte alles auflösen und die ganze Welt eine große Einheit bildet.“ Mit Punkten übersät wird alles zur Fläche, zum Muster, die Dinge verbinden sich miteinander, Grenzen und Räume lösen sich auf. „Kusama‘s Self-Obliteration – Selbstauslöschung“ heißt der Experimentalfilm, der Performances und Nackt-Happenings aus ihrer frühen Zeit in New York dokumentiert. Stellenweit handelt es sich um Orgien mit Körpern voller Punkte. Den freien Umgang mit Nacktheit und Sex musste sich Yayoi Kusama erst erarbeiten, das merkt man ihrer Kunst an. Ihre mit phallusartigen Stoffwülsten übersäten Möbel, Kleidungsstücke oder Räume wirken ein bisschen zwanghaft. Bei Pipilotti Rist hingegen ist Freiheit die Werkseinstellung. Ihr Künstlername bezieht sich auf Pippi Langstrumpf, Sinnbild von Mut, Stärke, Eigenständigkeit und Fantasie. Alles bei Rist wirkt leicht und spielerisch. Ihre Erkundungen des weiblichen Körpers hinterfragen gesellschaftliche Vorstellungen von Sexualität, Geschlecht und Identität – und verbreiten dabei nonchalant gute Laune. Da ist etwa ihr „Pickelporno“: Zwei Menschen liebkosen sich, Hände auf Haut, Haut auf Haut, extreme Close-Ups aller denkbaren Körperteile, ungewohnte Blickwinkel, das Ganze digital kombiniert mit Bildern von Blumen, Wolken, Geröllhaufen, Vulkanausbrüchen.

Bei allen Unterschieden gibt es aber auch erstaunliche Parallelen zwischen den Künstlerinnen. Da ist etwa Pipilotti Rists „Blutraum“ mit einem Video, in dem rote Farbe aus einer Frau strömt. Mit traumwandlerischer Sicherheit schafft Rist es, das Ganze nicht eklig, sondern empowernd darzustellen. Direkt daneben ein frühes Gemälde von Yayoi Kusama voller kleiner roter Strukturen, die an Blutplättchen erinnern. Ihr Interesse für den menschlichen Körper, für die Auflösung von Räumen und Grenzen eint die beiden Künstlerinnen. Zentral in der Ausstellung platziert ist Pipilotti Rists „Liberty Statue for Löndön“, ein riesiger Kubus mit goldenen Vorhängen. Geht man hinein, laden eine plüschige Plattform und Samtkissen zum Fläzen ein. Das Video, das in einem Wald spielt, wird über Spiegel so zwischen Decke und Boden projiziert, dass sich der Raum aufzulösen scheint. Man kann sich im Werk verlieren, kann eintauchen in diesen Wald. Kusamas Entgrenzung des eigenen Körpers im Universum scheint in dieser Arbeit von Pipilotti Rist bis auf das Publikum ausgedehnt.