Leiko Ikemura, Das Meer in den Bergn.
Bündner Kunstmuseum, Bahnhofstr. 35, Chur.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
23. August bis 23. November 2025.
kunstmuseum.gr.ch
In Sarn in den Bündner Alpen ist man dem Himmel ziemlich nahe. Im Sommer grasen hier die Kühe auf der Alp und bei schlechtem Wetter senken sich die Wolken grau und nass über die paar Häuser, die sich um die kleine Kirche scharen. Für Leiko Ikemura (*1951) war das 140-Seelen-Dorf Ende der 1980er Jahre ein wichtiger Ort. Hier kam sie, Mitte 30, das erste Mal wieder zur Ruhe. Die gebürtige Japanerin war 1972 nach Europa gekommen, hatte zuvor Literatur in Osaka und später Kunst in Sevilla studiert und dann unter Eindruck der Neuen Wilden in Zürich und Köln eine kraftvolle, kürzelhafte Bildsprache für emotionale und körperliche Zustände entwickelt, die ihr die Türen zu den großen Häusern öffnete.
Nach ihrer viel beachteten Einzelausstellung 1987 im Museum für Gegenwartskunst in Basel war es dann erstmal genug. Leiko Ikemura nahm sich eine Auszeit von der Kunstszene und zog 1989 für ein Jahr zum Arbeiten in die Berge, bevor sie 1991 eine Malereiprofessur in Berlin annahm. Wie dieser Aufenthalt in Sarn ihre Malerei veränderte, zeigt die Soloschau „Das Meer in den Bergen“ im Bündner Kunstmuseum in Chur. Inspiriert von der unmittelbaren Naturerfahrung öffneten sich ihre Bilder und wurden durchlässig für das Ephemere, Ungewisse. Konturen lösten sich auf, die Grenzen zwischen äußeren und inneren Landschaften verschwammen. Ikemura setzte sich in dieser Zeit intensiv mit der Tradition der japanischen Landschaftsmalerei und dem Prinzip des Sansuiga auseinander, nach dem ein Bild nicht das Sehen von Natur, sondern vor allem das Nachdenken über sie repräsentiert. Sie begann, auf die Grundierung ihrer Leinwände zu verzichten, ersetzte sie durch Jute und wechselte von Acryl zu Mineralfarben, wie sie traditionell in Japan verwendet werden. Bis heute saugen ihre rauen, offenen Malgründe die Farbe förmlich auf und rücken die Materialität der Bildträger auf eine Weise in den Blick, dass man das Gefühl haben kann, nicht vor dem Bild, sondern in ihm zu stehen. Diffusion und Unmittelbarkeit geben sich auch in ihren „Horizonten“ die Hand, die seit langem ihre von Mischwesen bevölkerten Schwebezustände zwischen Traum und Wirklichkeit als eigenständige Werkgruppe begleiten. Für Ikemura beschreibt der Horizont die Schwelle zwischen lebendiger Energie und Leere, Leben und Tod – einen ungreifbaren Ort, der sich eindeutiger Charakterisierung entzieht und doch ständig sichtbar ist als Linie, die diese Welt mit einer anderen verbindet. Flankiert von einer Filmprojektion und Skulpturen aus drei Jahrzehnten folgt die Churer Schau Ikemuras Malerei des Übergangs, in der Mensch, Natur und Kosmos ineinander aufgehen, an eine ihrer ursprünglichen Quellen im Nebel der Berge.

