Mehtap Baydu, Lass deinen Regen regnen: Die Mitgift als materielle Spur der Erinnerung und Erwartung
Mehtap Baydu: Lass deinen Regen regnen.
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtenthaler Allee 8a, Baden-Baden.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 14. September 2025.
www.kunsthalle-baden-baden.de
Woche um Woche dürfte der weiße Baumwollfaden durch die Hände der Mutter geglitten sein, um ihrer Tochter zur Hochzeit diese zart durchbrochene Decke als Mitgift zu häkeln, durch die auf Plakaten vor der Kunsthalle Baden-Baden nun die nackte Haut des Körpers von Mehtap Baydu schimmert. Die deutsch-kurdische Künstlerin balanciert dabei in der Standwaage, den Oberkörper vom Scheitel bis zur Ferse in die Horizontale gestreckt. Diese Haltung verrät viel über die konzentrierte Ruhe, mit der sich Baydu in ihrer bislang umfangreichsten Soloschau der Frage widmet, wie Körper, Rollenbilder und Traditionen Identität ausdrücken, sie zugleich aber auch in Bewegung versetzen können, widerständig und eigensinnig.
Ein schönes Beispiel dafür ist die fortlaufende Fotoserie „Osman“, für die Baydu seit vielen Jahren immer wieder in der Rolle ihres fiktiven männlichen Alter Egos schlüpft, das sie 2009 entwarf. Ausgangspunkt für diese Figur war ihre Auseinandersetzung mit historischen Fotografien und Archivdokumenten aus der Zeit der ersten Anwerbeabkommen türkischer „Gastarbeiter“ in Deutschland. In der Kunsthalle verkörpert Baydu „Osman“ als stolzen, schweigsamen Patriarchen, steif und unsicher, den plötzlichen Verlust von Gewissheiten oder die Enttäuschung von Sehnsüchten immer in greifbarer Nähe. Meldedokumente der Stadt Baden-Baden erzählen von Baydus Versuch, Osman 2023 offiziell im Bürgeramt anzumelden. Das kalkulierte Scheitern der Aktion war Teil der Performance, auch um das existenzielle Drama sichtbar zu machen, das eine Abweisung an der Grenze für individuelle Lebensentwürfe und die eigene Identität bedeutet.
Mehtap Baydu setzt der Fiktion der Grenze in ihrer Ausstellung ein subtiles Spiel der Durchlässigkeiten, Übergänge und Verwandlungen entgegen. Neben den transparenten Häkeldecken, die hier – mal in echt, mal in großformatigen Selbstporträts – wiederholt auftauchen, zeigen das auch zwei fließende, transparente Glasskulpturen, die im zentralen Oberlichtsaal still von der Decke hängen. Wie weicher Stoff über die Sprossen zweier Schaukeln geworfen, setzen diese Abgüsse von Hautpartien der Künstlerin auf eindringliche Weise die Gleichzeitigkeit von Schmerz und Befreiung ins Bild, die im Akt der Häutung liegt. Unmöglich, die eigene Persönlichkeit ohne Veränderung zu denken – und unmöglich, sie ohne Voraussetzung zu denken.
Davon erzählt auch die Videoarbeit „Cocoon“, für die Baydu 33 Hemden von Männern aus ihrem Leben in Streifen schnitt und zu einem langen Faden vernähte. In einer mehrtägigen Performance strickte sie sich damit in einen dicken Kokon ein, in den Fragen zu Kleidung und Geschlechterrollen ebenso eingingen wie die eigene schöpferische Energie.
In der titelgebenden Installation „Lass deinen Regen regnen“ bricht sich diese auch weithin hörbar Bahn – als beständiges Tropfen von Wasser, per Mikrofon verstärkt, das langsam durch eine auf einem Wäscheständer liegende blaue Decke in drei Eimer fällt. Der kostbar schimmernde Überwurf ist mit Pfauenmotiven abgesteppt und wiederum inspiriert von der Tradition der Mitgift, die eine materielle Spur der Erinnerung und der Erwartung in die Zukunft der Töchter legt. Baydus Installation zielt auf einen kreativen Umgang mit diesem Erbe, ohne Blick auf die Zwänge und Zuschreibungen, die mit ihm verbunden sind. Dass hier auch Besuchende mit einer Kelle Wasser nachgießen dürfen, das sie aus den Eimern schöpfen können, lässt sich als Angebot zur kreativen Selbstermächtigung im Kollektiv der Beteiligten verstehen, untentschieden, ob dies nun wie der Tropfen auf den heißen Stein wirkt oder als steter Tropfen, der den Stein höhlt.



