Future Bodies from a Recent Past. Skulptur, Technologie, Körper seit den 1950er Jahren: Opfer und Mahnmal

Future bodies Mark Leckey
Mark Leckey, UniAddDumThs, „MAN“, 2014–fortlaufend, Courtesy the artist, Foto: Elisabeth Greil
Review > München > Museum Brandhorst
7. Juli 2022
Text: Roberta De Righi

Future Bodies from a Recent Past – Skulptur, Technologie, Körper seit den 1950er Jahren.
Museum Brandhorst, Theresienstr. 35a, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 20.00 Uhr.
Bis 15. Januar 2023.
www.museum-brandhorst.de

Future bodies Nicola L.
Nicola L., Little TV Woman, I Am the Last Woman Object, 1969, © Nicola L., Foto: Kyle Knodell
Future bodies Tishan Hsu
Joachim Bandau, Großes Silbernes Monstrum (Version 2), 1971/1974/2016, © Joachim Bandau
Future bodies Mark Leckey
Tishan Hsu, Transfusion, 1988, Cordless, 1989, © Tishan Hsu, VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Elisabeth Greil
Future bodies Aleksandra Domanovic
Aleksandra Domanovic, Mayura Mudra, 2013 (l.), © Courtesy the artist & Tanya Leighton, Berlin/Los Angeles, Foto: Gunter Lepkowski

Künstliche Herzklappe, Hüftgelenk aus Titan, Chip unter der Haut – dank Medizintechnologie sind wir längst Cyborgs – oder schon Androiden? Die neuen Möglichkeiten verschieben den Tod und verändern unsere Vorstellung von Leben. Die Schnittstelle Mensch-Maschine bietet Chancen und Risiken, Faszination und Horror. Die Ausstellung „Future Bodies from a Recent Past – Skulptur, Technologie, Körper seit den 1950er Jahren“ im Münchner Museum Brandhorst konzentriert sich jetzt auf wesentliche Aspekte des Themas in der Kunst. Patrizia Dander und Franziska Linhardt haben die Schau pointiert, aber nicht lückenlos kuratiert. Sie präsentieren hundert Werke von 60 Kunstschaffenden, davon 90 internationale Leihgaben, etwa von Eva Hesse, Louise Bourgeois und Matthew Barney, dazu eindrucksvolle Wiederentdeckungen wie Joachim Bandau und die New Yorkerin Shu Lea Chang. Einen Körperkunst-Klassiker wie Valie Exports „Tapp-und Tastkino“ sucht man hingegen vergebens.

Von klinisch-abwischbar zu bizarr und eklig ist sonst alles dabei: Auf zwei Etagen bietet das Museum einen Überblick über sieben Jahrzehnte in den USA, Europa und Japan, mit Schwerpunkt auf Skulptur und Installation. Den Auftakt bildet Pawel Althamers Mixed-Media-Figurengruppe „Brodno People“: Unbeirrt und ahnungslos geht sie mit dem Fortschritt – ausgestattet mit Zivilisationsmüll und Space-Junk. Gegenüber steht Bruno Gironcolis Aluminium-Mutant „Baby auf drei Beinen“ wie eine Warnung. Im Kapitel „Nachkriegs-Figuration“ stößt man auf Eduardo Paolozzis Technikschrott-„Cyclop“ und Germaine Richiers geschundene Bronze-Kreatur „Le Griffu“. Nebenan blinkt Atsuko Tanakas „Elektrisches Kleid“, das Glamour und Gefahr ausstrahlt. Melvin Edwards Wandplastiken aus Stahl erscheinen wie Marterinstrumente und verweisen etwa auf Lynchmorde an Sklaven in den USA; daneben wirken Nancy Grossmans Fetisch-Masken wie die Ausrüstung von Folterknechten. Da ist der Körper Opfer und Mahnmal zugleich. In Kapitel „Zergliedert“ wird der Leib zerlegt wie in Paul Theks Plexiglas-Reliquiaren und Alina Szapocznikows vermeintlichen Organ-Moulagen. Oder schnöde reduziert wie Bourgeois‘ baumelnder Phallus mit dem absichtlich irreführenden Titel „Kleines Mädchen“. Kaum organisch, aber nicht minder irritierend sind Joachim Bandaus Zwitter aus Figur und Objekt: Aus Badarmaturen und Teilen von Schaufensterpuppen baute er aalglatte Installationen – unheimlich ästhetisch.

Eine Fotowand erinnert daran, dass das Publikum 1966 dazu eingeladen war, Niki de Saint Phalles Riesen-Nana „Hon“ durch die Vagina zu betreten. Später machte sie öffentlich, dass sie als Elfjährige von ihrem Vater vergewaltigt worden war. Seitdem schaut man anders auf ihre bunten Frauen. Aus den 1960er Jahren stammen auch viele weitere ausdrucksstarke feministische Kunstwerke, etwa „Little TV-Woman. I Am the Last Woman Object” von Nicola L. – ein Möbelstück in Gestalt einer durch den Zweck deformierten Frau. Dass der Anteil an Künstlerinnen hoch ist, liegt vermutlich auch daran, dass die Auseinandersetzung mit dem (eigenen) Körper zentrales Frauen-Thema bleibt. Aber natürlich kommen auch nicht heteronormative Körper vor, etwa in Ashley Hans Scheirls Film „Dandy Dust“ oder bei Robert Gober und dem an AIDS verstorbenen Felix Gonzalez-Torres.

Größtes Exponat ist die Brandhorst-Neuerwerbung „UniAddDumThs“ von Mark Leckey. Seine Schau-Installation fügt in den Sektionen „Mensch“, „Maschine“, „Tier“ Artefakte aus drei Jahrtausenden zusammen. Vom Kreatürlichen weit entfernt ist man auch im Kapitel „Vernetzte Körper“. Tony Ourslers Video-Skulptur „Wir haben keinen freien Willen“ besteht aus zwei Püppchen, auf die Gesichter projiziert werden, im Diskurs. Nicht zuletzt angesichts des humanoiden Roboters in Stephanie Dinkins‘ Video-Installation „Conversations with Bina48“ kommt man schwer ins Grübeln: Ob als Ergebnis des Anthropozän die Androiden siegen – oder wir doch schon vorher untergehen?