To move with the ground, to bend the wind. Tanz ist mehr als Bewegung. Tanz ist politisch

Émilie Pitoiset, Not Yet Titled 12, 2023, Tainted Love 06, 2019, Not Yet Titled 07, 2017, Tainted Love 08, 2023 (v.l.n.r.), Courtesy the artist, Ausstellungsansicht Städtische Galerie Haus Coburg, Delmenhorst, Foto: Jens Weyers
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4. Oktober 2026
Text: Katharina de Andrade Ruiz

To move with the ground, to bend the wind.

Städtische Galerie Delmenhorst – Haus Coburg,
Fischstr. 30, Delmenhorst. Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr,
Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. November 2026.

hauscoburg.de

Isaac Chong Wai, Rehearsed, Mirrored: Dance of Falling #1, 2024, Courtesy the artist, Ausstellungsansicht Städtische Galerie Haus Coburg, Delmenhorst, Foto: Jens Weyers
Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh, Hesam Rahmanian, Dance After the Revolution, From Tehran to L.A., and Back, 2020-2021, Courtesy the artists, Ausstellungsansicht Städtische Galerie Haus Coburg, Delmenhorst, Foto: Jens Weyers

[—artline>Nord] Acht internationale künstlerische Positionen, darunter viele Kollektive, versammelt Kurator Viktor Hömpler in der Städtischen Galerie Delmenhorst im Haus Coburg. Objektkunst und Malerei treffen auf Fotografie, Video und Performance. So unterschiedlich die Medien, Tanzstile und kulturellen Kontexte sind, so konsequent richtet die Ausstellung den Blick auf den Körper als Träger von individuellen und kollektiven Geschichten, Identität und Widerstand.

Schon auf der Treppe zu den Galerieräumen zieht „Faz que vai” von Bàrbara Wagner (*1980) und Benjamin de Burca (1975) die Aufmerksamkeit auf sich. Vier Protagonistinnen verbinden auf individuellste Art den traditionellen, lange männlich dominierten Frevo aus Pernambuco mit Bate Cabello, Swingueira, Brazilian Funk und Voguing. Tanz wird so zum Ausdruck kultureller Zuschreibung, Geschlechterrollen und körperlicher Selbstbestimmung. Die brasilianische Musik begleitet den Rundgang. Erfreulich ist, dass keine „Choreografie” durch die Ausstellung führt, wie die kuratorische Lenkung von Besuchenden inzwischen gerne bezeichnet wird. Statt einer vorgegebenen Bewegungsrichtung lässt das Haus Coburg unterschiedliche Wege zu.

Im Treppenhaus trifft man auf Isaac Chong Wais (*1990) „Rehearsed, Mirrored”, eine Arbeit der Serie, die Bewegungsspuren auf Spiegeln und Glasplatten festhält. Beim Betrachten vereint sich unser eigenes Spiegelbild und das der gegenüberliegenden Videoinstallation „Faz que vai” mit den eingravierten Körperbewegungen und Figuren des Kunstwerks. Die Arbeit basiert auf choreografische Zeichnungen seiner Performance „Falling Reversely“, die Protest und Widerstand sowie rassistischer und struktureller Gewalt gegen Menschen asiatischer Herkunft thematisiert. Auch Thomias Radin (*1993) versteht Tanz als Träger von Geschichten. Seine Malereien und Holzskulpturen greifen afrodiasporische Traditionen wie Gwo Ka auf. Die Musik- und Tanzkultur wurde auf Guadeloupe von der versklavten Bevölkerung unter französischer Kolonialherrschaft entwickelt, um erlittene Gewalt und den Wunsch nach Freiheit auszudrücken und Widerstand zu leisten. Ein Diptychon versammelt zudem Schwarze Persönlichkeiten des zeitgenössischen Tanzes wie Alvin Ailey, Ismael Ivo und Germaine Acogny.

Historische Ereignisse bilden auch für Émilie Pitoiset (*1980) und Ala Savashevich (*1989) Ausgangspunkte. Pitoiset greift die Tanzmarathons der Great Depression auf. Savashevich verbindet in „The Rite of Spring” das Ballett „Le sacre du printemps“ von 1913 mit einer Militärparade Lukaschenkos während der Corona-Pandemie. Bei nasa4nasa verlagert sich Tanz in den digitalen Raum. Gemütlich auf großen Bodenkissen sitzend, betrachtet man kurze Videos des Duos auf Tablets, die unter anderem zeigen, wie Tanzschaffende auf den Verlust ihrer Aufführungsräume mit neuen Formaten reagierten. Im zweiten Obergeschoss verwischt Pauline Boudry (*1972) und Renate Lorenz‘ (*1963) Raum- und Videoinstallation „Moving Backwards“ die Grenze zwischen Betrachtenden und Teilnehmenden. Video, Musik, Bühne, und ein schwarzer Tanzboden bilden einen Raum, in dem die Besuchenden selbst Bewegungsspuren hinterlassen. Bei Ramin Haerizadeh (*1975), Rokni Haerizadeh (*1978) und Hesam Rahmanian (*1980) wird Tanz unmittelbar zum politischen Widerstand. Ihre Videoinstallation beleuchtet die Geschichte des iranischen Tänzers und Choreografen Mohammad Khordadian (*1957), dessen Tanz-Lernvideos heimlich zurück in den Iran gelangten, wo öffentliches Tanzen starken staatlichen Restriktionen unterliegt.

Die Ausstellung „to move with te ground, to bend the wind“ führt unterschiedliche historische, geografische und kulturelle Konstellationen zusammen. Gerade diese Vielfalt zeigt, wie gesellschaftliche Normen und Erfahrungen sich in Körper einschreiben und durch sie infrage gestellt werden. Tanz wird zu Erinnerung, Selbstermächtigung und Widerstand. Tanz trägt gesellschaftspolitische Relevanz.