Shirana Shahbazi, All at Once. An Interplay with Li Tavor: Finale Bildbearbeitung

Shirana Shahbazi
Shirana Shahbazi, Spiegel, 2014, Courtesy the artist & Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris
Review > Luzern > Kunstmuseum Luzern
5. Oktober 2026
Text: Annette Hoffmann

Shirana Shahbazi: All at Once. An Interplay with Li Tavor.
Kunstmuseum Luzern, Europaplatz 1, Luzern.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch bis 19.00 Uhr.
Bis 18. Oktober 2026.
www.kunstmuseumluzern.ch
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:Roma Publications, Amsterdam 2026, 252 S., ca. 50 Franken | 54 Euro.

Shirana Shahbazi
Shirana Shahbazi, Teacher, 2019, Courtesy the artist & Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris
Shirana Shahbati
Shirana Shahbazi, Falling_05 (Green & Red), 2024, Courtesy the artist & Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

In ihrem Katalogtext zu Shirana Shahbazis Ausstellung „All at Once“ rekonstruiert Li Tavor (*1983) ihre erste gemeinsame Begegnung. War es auf der Tanzfläche, im Korridor eines Berliner Clubs? Das klingt nach einer Marginalie, wären diese Orte lediglich auf einer persönlichen Ebene beziehungsstiftend, doch als Orte des Interagierens und des Übergangs sind sie auch bezeichnend dafür, wie Shahbazi (*1974) ihre Arbeiten installiert. Im Kunstmuseum Luzern hat die Fotografin, die 2019 mit dem Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet wurde, nun nicht allein ein Zusammenspiel mit Li Tavor inszeniert.

Das Ekstatische und Selbstvergessene des Dancefloors findet sich sogleich in ihrer Werkgruppe „Falling“. Shahbazi hat dafür Menschen unter Wasser aufgenommen, sie scheinen mehr zu tanzen als zu tauchen. Die Kleidung legt sich um diese Körper als würde sie eine vergangene oder kommende Bewegung antizipieren. Oft liegen mehrere Aufnahmen übereinander, der Siebdruck hat Artefakte erzeugt oder sind es doch Luftblasen, die nach oben steigen? Die fotografierten Männer und Frauen wirken als hätten sie jede Schwere abgelegt. Shahbazi hat die Serie in Luzern sowohl an der Wand als auch frei im Raum installiert. Spiegel, die unterschiedlich farbig beschichtet sind, filtern die Aufnahmen der Fallenden, fragmentieren und überlagern sie und färben sie dadurch ein. Manchmal ist man selbst im Bild, mit der eigenen Bewegung verändert sich ständig der Eindruck. Aus dem Ausstellungsraum wird ein abstraktes, farbiges Bild. Shirana Shahbazi überlässt den Betrachterinnen und Betrachtern die finale Bildbearbeitung. Doch selbst das ist nur vorläufig, man interagiert ja mit diesen Spiegeln, die in Ständern stehen oder frei von der Decke hängen – ebenso mit den farbig pigmentierten Latexvorhängen von Li Tavor. Shirana Shahbazis Ausstellung ist auch ein Zusammenspiel mit der Architektur von Jean Nouvel. Die Spiegel und Latexbahnen lösen die Räume auf und schaffen Passagen. In manchen Ecken wurden Teile der Wände gelöst und gedreht, Spiegel sind nun dazwischen gesetzt, die zu merkwürdigen Verzerrungen führen und die Starrheit der Wand lösen.

Die so geschaffenen Passagen könnten als Einschränkung wahrgenommen werden, als Störung, doch vor allem erlauben sie uns, einen eigenen Weg durch die Ausstellung zu wählen: All at Once. Bei dieser Gleichzeitigkeit gibt es nicht die eine Blickachse, nicht den einen Ausstellungsparcours, sondern viele. Wie politisch das sein kann, zeigen die Videos von Mastaneh Kamyab. Die iranische Künstlerin filmt seit einigen Jahren ihren Weg zwischen Wohn- und Arbeitsort, den sie mit dem Rad zurücklegt. Andere Radfahrer grüßen sie komplizenhaft, ständig muss sie ausweichen. Teheran ist eine Stadt der Autofahrer und Frauen sind nicht gerne auf dem Rad gesehen, jeder so zurückgelegte Kilometer ist ein Einstehen für Individualität und Freiheit.

Die Gleichzeitigkeit, die der Ausstellungstitel „All at Once“ vorgibt, steht auch dafür, wie wir Bilder wahrnehmen. Wir sehen das Blatt einer Monstera zeitgleich mit seinem Hintergrund, den weißen Obstkorb zusammen mit den Früchten auf dem gemalten Stillleben, die beiden Verkehrsschilder, die die Entfernung nach Teheran und Qazvin angeben. Wir sehen die einzelne Fotografie, das einzelne Bild und zugleich die Petersburger Hängung, mit der Shahbazi ein Gesamtbild von Arbeiten aus den letzten 25 Jahren geschaffen hat. In einem der hinteren Räume fällt kein Körper, sondern Wasser. Auf mehreren Projektionsflächen sieht man das Video eines Wasserfalls. Der Fluss schäumt, er perlt, er scheint sich in Luft aufzulösen, indem er tanzt. Und auch hier fragmentieren beschichtete Spiegel den Bildraum, sie schneiden die Videos ab und färben sie ein: blau, grau, gelb und grün. Auf dem Boden liegt ein violetter Teppich. Während von den Aufnahmen des Wasserfalls etwas Ekstatisches ausgeht, durchbricht die Komposition des Musikers Saba Alizadeh dies hypnotisch. Auch sie ist so eine Passage, durch die man sich bewegen möchte.