Tomás Saraceno in collaboration, Verwobene Welten: Netzwerke(r) der Natur

Tomas Sarceno
Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten, Ausstellungsansicht im Haus der Kunst München, 2026, Foto: Agostino Osio, © Haus der Kunst München, 2026
Review > München > Haus der Kunst
2. Oktober 2026
Text: Jürgen Moises

Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten.
Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, München.
Mittwoch bis Montag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 7. Februar 2027.
www.hausderkunst.de

Tomas Saraceno
omás Saraceno, Apacheta, Atacama Region, 2026, © Foto: Studio Tomás Saraceno
Tomas Saraceno
Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten, Ausstellungsansicht im Haus der Kunst München, 2026, Foto: Agostino Osio, © Haus der Kunst München, 2026
Tomas Saraceno
Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten, Ausstellungsansicht im Haus der Kunst München, 2026, Foto: Agostino Osio, © Haus der Kunst München, 2026

Es gab eine Zeit, da haben die Spinnen mit den Menschen auf dem Mambilla-Plateau in Nigeria geredet. Und sie haben die Zukunft vorhergesagt. Die Fähigkeit zum Hellsehen besitzen Spinnen immer noch. Davon sind die Menschen auf Mambilla überzeugt. Nur ist es mittlerweile so, dass die Spinnen symbolisch mithilfe von beschrifteten Pflanzenblättern kommunizieren. Erfahren kann man das auf der Website nggamdu.org. Und man kann dort gegen Bezahlung einer Spinne eine Frage stellen. Wobei die Antwort etwas dauern kann. Es zeigt jedenfalls: Spinnen sind nicht nur Angstmacher, sondern besondere Tiere, denen auch der argentinische Künstler Tomás Saraceno (*1973) verfallen ist. Was aktuell seine Ausstellung „Verwobene Welten“ im Münchner Haus der Kunst beweist.

Die Spinnen spielen darin eine wichtige, wiederkehrende Rolle. Da gibt es die erwähnte Website, die Saraceno als Stream integriert hat. Es gibt Plakate von Filmen wie „Tarantulas“ oder „Die Rache der gelben Spinne“, die zusammen mit einem Text über „Arachnophobia“ von der verbreiteten Angst vor Spinnen erzählen. Dass Spinnen eigentlich hoch talentierte Künstlerinnen, Architektinnen sind, zeigt die Installation „Web of At-tent(s)ion“ (2018), die in einem dunklen Raum in zehn Vitrinen Spinnennetze präsentiert. Diese werden von unten so beleuchtet, dass man sie als die fragilen, kunstvollen Gebilde wahrnimmt, die sie in Wahrheit ja auch sind.

Für „Algo-r(h)i(y)thms“ (2026) hat Saraceno selbst Netze aus Fäden gesponnen. Die sehen weniger aus wie Spinnenwerk als wie ein versponnenes Planetensys­tem. Wenn man daran zupft, erzeugen sie Töne. Macht man das gemeinsam, wird eine Jamsession daraus, im Idealfall eine Symphonie. Das passt zu Saracenos Idee, dass Besucherinnen und Besucher mitgestalten sollen. In der neu geschaffenen Rauminstallation „Towards the Sanctuary of Water“ treten dann wieder die Spinnen als Mitgestalter auf. Indem sie sich als Projektionen an Fäden abseilen. In einer Welt aus Wasser, Licht, Schatten, Sound und schwebenden Kugeln, in der man sich wie in einem alten Science-Fiction-Film fühlt.

Was es dort auch gibt, das sind Kritzelzeichnungen und am Rand eine kleine menschliche Figur. Was uns unseren Platz als Nebenfigur im Kosmos ausweist? Dafür machen wir aber viel kaputt. Und so sind wir beim zweiten wichtigen Komplex, dem „Sanctuary of Water“, zu dem die Rauminstallation führt. „The Sanctuary of Water“ ist ein großes Projekt, das in Kooperation mit indigenen Gemeinschaften der Red Atacama sowie dem Haus der Kunst in den Salinas Grandes in Argentinien entsteht. Der dunkle Hintergrund dafür sind der Klimawandel und der Silizium-Abbau, die Natur und Menschen bedrohen. Weil der Klimawandel das Wetter verändert und der Silizium-Abbau Unmengen an Wasser verbraucht. Für die Indigenen ist Wasser alles: Leben, ein Recht, eine Erinnerung, die Zukunft. Deshalb wollen sie nicht kampflos zusehen. Deshalb haben sie sich an Saraceno gewandt, der in der Salzwüste ein großes Land-Art-Werk mit ihnen baut. Ein Monument aus Salzsteinen, eine Formation aus Iglus und Teichen, das ein Sinnbild für Harmonie, aber auch ein Magnet für Ökotouristen werden soll. Um die Menschen vor Ort wirtschaftlich zu unterstützen. Das alles ist umfangreich dokumentiert und spiegelt Saracenos Interesse an Ökologie und indigenem Wissen wider. Davon zeugt auch das „Museo Aero Solar“. Eine große Work-in-Progress-Installation aus Plastiktüten, die im Herbst emissionsfrei in die Luft steigen soll. Und dann sind da noch Geruchsgemälde für Hunde. Eine Mischung aus Insekten-, Vögel- und Eichhörnchen-Hotel, das auf der Terrasse steht. Mit Blick auf den Eisbach, die Natur, auf andere Lebensformen, als deren Vermittler sich Saraceno versteht. Überhaupt tritt er in seiner Ausstellung vor allem als Medium, Netzwerker, als Dokumentarist, aber auch Aktivist auf. Aber vielleicht muss das so sein in einer Welt, die heute weniger gestaltet als gerettet werden soll. Was die Ausstellung manchmal eine Spur zu pädagogisch, aber sonst zu einem anregenden Parcours durch alte, neue und zukünftige Welten macht.