Radikal. Real. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre.
Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, Mannheim.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 11. Oktober 2026.
www.kuma.art
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Wienand Verlag, Köln 2026, 355 S., 40 Euro | ca. 55.90 Franken.
Für Autofans könnte der Anblick ein Schock sein. In der Ausstellung „Radikal. Real“ in der Kunsthalle Mannheim ist ein Alfa Romeo zu sehen – als komprimierter Schrott-Kubus, eine Skulptur von César. Unbehagen könnte auch das Wrack eines eleganten, weißen MG-Sportwagens auslösen. Es hängt wie ein Bild an der Wand, von Ferne einem ramponierten, filigranen Insekt ähnlich, bei näherer Betrachtung ein rostiges Knäuel verschlungener Röhren mit gesplitterter Frontscheibe. Arman sprengte den Wagen 1963 in Kooperation mit dem Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela und Einwilligung des Besitzers Charles Wilp in einem Steinbruch bei Ratingen in die Luft. Der Fotograf und Werbefachmann Wilp hängte sich das Resultat der Kunstaktion ins Wohnzimmer – wohl als Inspiration für seine Arbeit. Heute ist es Teil der Sammlung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt.
„Das Auto galt als Heilsverspechen für so vieles“, sagt Luisa Heese, die Kuratorin der Schau in der Mannheimer Kunsthalle, die sich der Gruppe der Nouveaux Réalistes und seinem internationalen Netzwerk widmet. Es sei Arman darum gegangen, die geschlossene Oberfläche aufzubrechen und damit auch die Frage zu stellen, warum wir uns so stark über Dinge definieren.
Die Neuen Realisten setzten der individuellen Empfindung der Künstler des Informels der 1950er Jahre eine kollektive, aber vielfältige Analyse entgegen. Gegründet auf Anregung des Kunstkritikers Pierre Restany 1960 in Nizza, verschrieben sich die das Manifest unterzeichnenden Mitglieder der Gruppe einem „neuen Realismus“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Yves Klein, Pierre Restany, Arman, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Jacques de la Villeglé. Der Nouveau Réalisme wurde laut Manifest als „neue Annäherung der Wahrnehmungsfähigkeit an das Reale“, verstanden.
Wie ein magnetisches Feld hatte sich Europa fünfzehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Konsum ausgerichtet. Heute durchzieht diese Entwicklung unser gesamtes Leben. Man muss vielleicht nicht mehr wie Niki de Saint Phalle auf mit Farbbeuteln präparierte Gipsreliefs schießen, und in einem Akt von Aggression ein neues bildgebendes Verfahren erfinden. Es waren nicht die Relikte von Saint Phalles Aktionen, die Berühmtheit erlangten. Um die Welt gingen die Bilder einer jungen Frau, die den Bildgrund attackierte – symbolisch für eine verkrustete Gesellschaft. Sie war die einzige Frau, die zum Kern der Pariser Künstlergruppe gehörte. Temporär stießen aber auch Künstlerinnen dazu, deren Namen heute in Europa so gut wie vergessen sind. Dazu gehört Feliza Bursztyn, eine kolumbianische Bildhauerin, die Skulpturen aus Schrott schweißte. Oder die argentinische Konzeptkünstlerin Marta Minujín. Sie verbrannte 1963 in der Aktion „La Destruccíon“ im Hof der Impasse Ronsin ihr bis dahin geschaffenes Werk. Dort hatten Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle ihr Atelier. Das Werk von Chryssa, einer griechisch-US-amerikanischen Künstlerin, weckte das Interesse des Kritikers Pierre Restany. Er lud sie 1961 zu einer Ausstellung in Paris ein. Sie sammelte Teile ausgedienter Leuchtreklame, die sie in abstrakte Lichtzeichnungen transformierte.
Der Akt der Zerstörung spielt im Nouveau Réalisme eine zentrale Rolle. Auch die Affichistes, Künstler, die Teile von Plakatwänden oder komplette Werbetafeln demontierten und in die Schichten der übereinander geklebten Werbegrafiken hineinarbeiteten, schufen durch einen Akt der Zerstörung neue Bilder. Sie legten wie etwa Raymond Hains Fragmente frei. Manchmal ergaben sich daraus neue abstrakte Decollagen, mal erzählten die Fragmente neue Geschichten. Auch Arbeiten von Christo, Claes Oldenburg oder Jasper Johns tauchen in dieser Ausstellung auf. Sie erinnert an die lebendige Kunstszene der 1960er Jahre, wirkt dabei aber ungemein zeitgemäß.




