Yalla. Arabisch-jüdische Berührungen.
Jüdisches Museum München, Sankt-Jakobs-Platz 16, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Online-Publikation als PDF-Download erhältlich.
Bis 28. Februar 2027.
www.juedisches-museum-muenchen.de
Ein Zirbelkieferstamm schwebt – entwurzelt, entrindet, entastet – im Raum. Dennoch wirkt er nicht wie tote Materie. Die Künstlerin Hori Izhaki (*1986) hat ihn für ihre Installation „To Plant a Memory” aus den Alpen herbeigeschafft, die momentan in der Ausstellung „Yalla. Arabisch-jüdische Berührungen“ im Jüdischen Museum in München zu sehen ist. Izhaki, die Wurzeln in Marokko und Irak hat, bezieht sich damit auf die Praxis nach der Staatsgründung Israels, dort europäische Baumarten zu pflanzen, die den klimatischen Bedingungen in der Region gar nicht entsprechen. Als Sinnbild steht der tote Nadelbaum sowohl für die Entwurzelung der Eingewanderten als auch für die Tatsache, dass bei der „Europäisierung“ die arabische Identität außen vor blieb. „Yalla“ zeigt Werke von acht Künstlerinnen und Künstlern, deren Herkunft und Biografien von den fruchtbaren Verbindungen und brutalen Verwerfungen im Kulturraum zwischen Nordafrika und Nahem Osten geprägt sind und dessen Annäherungen und Brüche sich über Jahrtausende bis in die kriegerische Gegenwart widerspiegeln.
Die hochaktuelle Schau ist eine Übernahme aus dem Jüdischen Museum in Hohenems, die hier um ein paar Exponate erweitert wurde. Alina Gromova, die im September 2025 auf Bernhard Purin (1963-2024) als neue Direktorin folgte, hat das Haus allerdings schon wieder verlassen. Nun steht das Museum vorerst ohne offizielle Leitung da. Was der fein austarierten Darstellung komplexer Inhalte allerdings keinen Abbruch tut. Im Fokus stehen jüdisch-arabisch geprägte Identitäten der Misrachim, Jüdinnen und Juden mit arabischen Wurzeln. In Israel machen sie fast die Hälfte der Bevölkerung aus, und dennoch werden sie bis heute diskriminiert, Sprache und Kultur in den Hintergrund gedrängt, wie Kuratorin Ulrike Heikaus erklärt. Eliyahu Fatal_Eli Petel (*1974), dessen väterliche Familie aus dem Irak kommt, gibt dem in Dekaden gewachsenen Selbstbewusstsein der Misrachim und seiner eigenen Mehrfach-Identität Ausdruck, indem er unter Doppelnamen arbeitet und in seinen Porträts mit äußerlichen Klischees spielt. Für „GiLGUL ShaTIaCh Carpet (Reincarnation) Rolling“ rollte Joseph Sassoon Semah (*1948) einen jüdischen Gebetsschal und einen islamischen Gebetsteppich ineinander. Und in der bronzenen Boden-Plastik „Between Graveyard and Museum’s Sphere“ fügte er ein Modell des Ezechiel-Grabes im Irak mit einer Oud und Widderhörnern zu einer enigmatischen Assemblage zusammen. Dana Flora Levy wiederum hat ägyptisch-deutsche Wurzeln und wuchs in den USA auf. Sie lässt im Video-Diptychon „Fatherland Archives“ ihren Vater zu Wort kommen und gibt Einblicke in das Geniza-Archiv, in dem Jahrhunderte jüdisch-ägyptischer Geschichte gespeichert sind. Stellt dir vor, du feierst Hochzeit und alle gehen weg: Tamir Zadok (*1979) verwandelte das Delacroix-Gemälde „Jüdische Hochzeit in Marokko“ von 1839 digital in ein Tableau vivant: Alle gemalten Gäste werden scheinbar lebendig und verlassen nach und nach den Raum, bis nur noch der Oud-Spieler allein am Boden hockt und eine traurige Melodie spielt. Überhaupt spielen Klänge ein große Rolle: Mit der Musik-Tradition des Orients setzt sich Dor Zlehka-Levy (*1990) in seiner audiovisuellen Installation „Maqamat“ auseinander, speziell der arabischen Musik aus dem Irak des frühen 20. Jahrhunderts – die von jüdischen Musikern geprägt wurde. „Maqamat“ benennt die Tonart der arabischen und persischen Musik, die auf Abständen, kleiner als westliche Halbtonschritte basiert. Eigens für München entstand Zlehka-Levys Sound-Arbeit „Omek – Unk“ im Treppenhaus. Dazu schuf die Schriftkünstlerin Liron Lavi Turkenich zwei symbolische Kunstwörter aus Hebräisch und Arabisch: „Berührungen“ und „Nähe“. Und diese Begriffe bleiben hier nicht Behauptung: Der Nahe Osten brennt, aber wer „Yalla. Arabisch-jüdische Begegnungen“ anschaut, kann erleben, wie sich das Elementare dieser vielschichtigen Kunstwerke verschränkt. Jedes eventuell aufflackernde Ressentiment wird so im Funken erstickt, weil das Verbindende stärker als das Trennende wirkt.



