Marcel van Eeden: 6. August 1870
Haus der Graphischen Sammlung, Salzstr. 34, Freiburg.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Freitag 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 18. Oktober 2026
Katalog: 20 Euro.
Begleitprogramm unter museen.freiburg.de
Die schwarze Faust ist nur verschwommen zu erkennen, darüber ein gesprühter Slogan in Fragmenten: [BL]ACK L[I]VES MA[TTE]R. Seit 2021 trägt die Betonstele vor dem Anatomischen Institut der Universität Freiburg nicht mehr die Büste des Mannes, der hier seit 1890 geehrt wurde, sondern nur noch ein Schild mit seinem Namen: Alexander Ecker. 1857 hatte der Anthropologe eine Sammlung menschlicher Überreste angelegt. Sie stammten von alten Friedhöfen oder aus archäologischen Grabungen, später vermehrt aus kolonialen Gewaltzusammenhängen. Seine Forschungen machten Ecker zu einem der Vorreiter der völkischen Rassenideologie. Die von Alexander Ecker ab 1857 zusammengetragene anatomisch-anthropologische Sammlung befindet sich im Eigentum der Universität Freiburg, die Kooperationspartnerin der Ausstellung ist..
Mittlerweile stehen die Graffiti, die während der Black-Lives-Matter-Proteste am einstigen Ecker-Denkmal auftauchten, wie die Stele ohne Büste unter Denkmalschutz. Für Marcel van Eeden ist dieses Mahnmal ein zentrales Sujet seines Werkzyklus „6. August 1870“, den das Museum für Neue Kunst Freiburg kürzlich ankaufte und der jetzt erstmals vollständig im Haus der Graphischen Sammlung zu sehen ist.
Es ist das sichtbare Ende einer lange verdrängten, verwickelten Geschichte, die der niederländische Künstler und Rektor der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe recherchiert hat. Sie beginnt mit der Verwundung eines algerischen Soldaten während des Deutsch-Französischen Kriegs in der Schlacht von Wœrth im Nordelsass am 6. August 1870. Sein Name – vermutlich Ben Lahcen – kursierte in verschiedenen Versionen, je nach Dienststelle, mit der er zu tun hatte. Wie er sich selbst nannte, ist nicht bekannt. Belegt ist dagegen sein Tod am 16. November 1870 und die ausbleibende Beisetzung. Stattdessen wurde sein Leichnam präpariert und der abgetrennte Kopf und sein Beckenknochen nach Freiburg geschickt – in die Sammlung von Alexander Ecker.
Marcel van Eeden erzählt diese Geschichte in 74 Gummidrucken nach Vorlage aktueller Fotografien, die während seiner Recherchen entstanden, flankiert von Zitaten aus Arztberichten über Ben Lahcen, Sammlungskatalogen und historischen Zeitungsartikeln. Aus dem diffusen Schwarzweiß der Drucke tauchen wie aus einer fernen Erinnerung Ansichten des Schwetzinger Schlosses und seiner Gartenhäuser auf, darunter eine Fake-Moschee, die zwischenzeitlich auch als Lazarett für französische Kolonialsoldaten diente. Ben Lahcen erlag hier seinen Verwundungen.
Übersieht man den nostalgischen Look, den das historische Gummidruckverfahren erzeugt, zeigen die Bilder den heutigen Alltag im Schlosspark samt Café, Souvenir-Shop und Festival-Deko und schlagen so eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Andere dokumentieren Szenen der jährlichen Wiederaufführungen der Schlacht von Wœrth, Gräberfelder, Landschaften im Elsass. Und schließlich auch Ansichten aus Tunis, Algier und Mostaganem, wohin Marcel van Eeden reiste, um den wenigen vagen Hinweisen auf das Vorleben des Soldaten aus Afrika nachzugehen, der für Frankreich im Krieg starb und dessen zerteilter Leichnam nie die letzte Ruhe fand, sondern in Freiburg als Material für rassistische Forschungen benutzt wurde.
Künstlerische Geschichtsschreibung nennt Van Eeden seinen Ansatz, im klaren Bewusstsein darüber, dass er sich mit seiner Kunst in einer Grauzone zwischen belegbaren Fakten und Spekulation bewegt. Zugleich ist er überzeugt davon, dass historisches Wissen immer in Bewegung ist und jede neue Perspektive, jede Reibung und jedes widersprüchliche Detail neue Erkenntnisse ermöglicht. Der „6. August 1870“ ist Teil seines Projekts einer „Geschichte der Entmenschlichung von Menschen“, das mit seinen Recherchen über das völkische Weltbild und antisemitische Äußerungen des Malers Hans Thoma begann, nach dem bis 2024 der wichtigste Kunstpreis des Landes Baden-Württemberg benannt war. Marcel van Eeden war selbst Preisträger. Dass die Auszeichung heute schlicht Landespreis für Bildende Kunst Baden-Württemberg heißt, ist ein schöner Beleg für die Wirksamkeit von Van Eedens Arbeit und seiner Suche nach einer geeigneten künstlerischen Form, um die verschütteten Spuren der kolonialen Gewalt, Entwürdigung und Entmenschlichung in der Gegenwart sichtbar zu machen. Neben Van Eedens Zyklus über Ben Laghcen sind im Haus der Graphischen Sammlung auch ausgewählte Arbeiten seiner Karlsruher Studierenden zu sehen, die sich an den Recherchen beteiligten.






