Große Buchstaben, grelle Farben. Schrift als Kunst – Kunst als Schrift: Die zweckfreie Wahrnehmung des geschriebenen Wortes

Stefan Marx, I’ll Be Your Mirror, 2021, Installationsansicht Hamburger Kunsthalle, © Stefan Marx, Foto: Fred Dott;
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26. September 2026
Text: Kathleen Göttsche

Große Buchstaben, grelle Farben. Schrift als Kunst – Kunst als Schrift.

Kunsthalle Emden, Hinter dem Rahmen 13, Emden.
Dienstag bis Freitag 10.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 28. August 2027.

kunsthalle-emden.de

Thomas Scheibitz, aus der Serie: Studie Alphabet, 2017–2019, VG Bild-Kunst, Bonn 2026;
Olaf Metzel, Tags, 2024, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Leonie Felle
Christian Thoelke, Wall, 2021, © Christian Thoelke. Foto: Nguyen Xuan Huy

[—artline>Nord] Was machen eigentlich berühmte Künstler:innen, die nicht schreiben? Sie machen Kunst. Die Kunsthalle Emden widmet sich diesem Phänomen in der Ausstellung „Grosse Buchstaben, Grelle Farben. Schrift als Kunst – Kunst als Schrift“ und hat sich zusammen mit der Graffitikünstlerin MadC (1980) als Co-Kuratorin 22 international namhafte Künstler:innen eingeladen. Dabei bezieht sich die institutionelle und künstlerische Befragung im Besonderen auf die aktuelle Standortbestimmung von Urban Art in der zeitgenössischen Kunst.

Mit einem Bezug zur globalen Moderne richtet die Ausstellung ihren konzeptuellen Fokus insbesondere auf die Darstellung des geschriebenen Wortes und die sich verändernde Bedeutung von Buchstaben als Kunst. Isoliert von den Interventionen im Urbanen und zugleich co-existent mit diesen zeichnen die Bilder von den Graffiti- und Urban Art Künstlern L’Atlas (*1978), Shoe (*1967) und EGS (*1974) die Geschichte der Schrift – insbesondere durch ihre stilisierten Calligraffitis – in der jüngeren Kunstgeschichte nach. Ein in situ angelegter Racketcourt von der Künstlerin Shilpa Gupta (*1976) erinnert an die unheimlichen Botschaften aus dem Science-Fiction-Film „They Live“ von John Carpenter – aus dem bekanntlich das Zitat „Obey“ entlehnt worden ist. In einem Holzkasten von Boris Tellegen aka Delta (*1968) stapeln sich vertikal übereinander immer fünf Buchstaben in einer Reihe, wodurch eine individualistische wie auch holistische Struktur beschrieben wird. Erwin Wurm (*1954), Monica Bonvicini (*1965) und Mirko Reisser alias Daim (*1971) ergründen das konkrete Interesse am differenzierten Sehen der Schrift als malerische Kompositionen in der Dreidimensionalität.

Eine weitere Annäherung an das Ausstellungsthema ist die ästhetische Darstellung von Buchstaben und Zeichenketten. Ein zentraler Bezugspunkt hierfür ist die zweckfreie Wahrnehmung des geschriebenen Wortes, wie etwa in den repetitiven Schriftbildern des Konzeptkünstlers Fiete Stolte (*1979), von dem Graffitikünstler Dare (*1968) und von Thomas Scheibitz (*1968). Dazwischen wirken die projizierten Buchstaben und Farben in der Neon-Installation von Anselm Reyle (*1970) wie ein Lichtbogen, in dem Aspekte von allen drei Phänomenen zusammenfallen. Bei Stefan Marx (*1979) findet die Reflexion über die Schriftzeichen in der spektralen Zerlegung der Schriftsprache statt. Mit schwarzer Farbe deutet der Multimedia Artist L’Outsider (*1984) wiederum auf die Grenzen eines Kunstwerks. Daneben stellt das Objekt „Glanz der Auslassung“ von Via Lewandowsky alles andere als nur ein Trennzeichen dar – be there or be square!

Sehen oder Nichtsehen ist die Frage, die man äußern könnte, wenn man sich die Ausstellung einzig in den Museumsräumen vorstellt. Keineswegs beiläufig antizipiert das textbasierte Werk von Rero (*1983) auf der Fensterfront des Eingangs zur Kunsthalle: „[Not] Here Begins The See“ – eine Art Neues Sehen. Während Christian Thoelke (*1973) seinen Blick auf die Transformation von Lebensräumen richtet, an denen Graffiti als sichtbares Phänomen in Erscheinung tritt, zeigen die bildenden Künstler Nadine Fecht (*1976) und Olaf Metzel (*1952) rekursiv auf die Praxis und Ästhetik des Writings gefundene und künstlich ausgeführte Annotationen, Tags und Zitate im Atrium. „Wehret den Anfängen“, bringt das Bild von Norbert Bisky (*1970) in der Ausstellung zum Ausdruck, indem es den Gefühlsraum der Brandstiftung wie ein Vorzeichen für das Ereignis der Grenzüberschreitung hervorruft. Ergänzend wird eine interaktive Skulptur aus ausgedienten Verkehrseinrichtungen und DDR Straßen- und Bahnhofsleuchten von ihm gezeigt – eine „Cross-reference“ auf die Geschichte der Geschichtsschreibung?

Im Zentrum der Emdener Ausstellung steht ein etwa 2100 Quadratmeter großes Bild, für das sich zahlreiche Writer bei einem internationalen Graffiti-Meeting im Sommer verewigten. An den Standort zu der dauerhaft sichtbar angelegte „Wall of Fame“ gelangt man hinter dem Alten Binnenhafen.