Gritli Faulhaber: Chronic State of Becoming.
Kunsthaus Langenthal, Marktgasse 13, Langenthal.
Bis 15. November 2026.
www.kunsthauslangenthal
ch@gritlifauhaber
Auf den großformartigen Bildern von Gritli Faulhaber kommt einiges zusammen. Im pinboard-artigen Layout von „Ohne Titel“, 2023, sind das unter anderem: Die Zeichnung einer jungen Raucherin, die ihr Gesicht hinter Sonnenbrille und Schirmmütze verbirgt; der Screenshot eines Online-Auktionsergebnisses der Radierung „Jeune femme au repos (Julie Manet)“ von Berthe Morisot; ein T-Shirt-Design von Natalie Gaimari für eine Spendenkampagne von Planned Parenthood („Make A Woman Cum For Once“), das 2017 binnen weniger Wochen von Hunderten von Nachahmern raubkopiert und an der feministischen Kampagne vorbei massenhaft als lukratives Rip-Off unter die Leute gebracht wurde; die gemalte Fotografie eines Notizzettels mit einer Gedichtzeile des Mystikers Angelus Silesius: „Die Ros ist ohn warum; sie blühet weil sie blühet, sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet“. All diese Elemente stammen aus dem umfangreichen Archiv, in dem Faulhaber seit Jahren gefundene Bilder und eigene Fotos sammelt, oft von Arbeiten anderer Künstlerinnen, die ihr auffielen, aber auch Handy-Schnappschüsse. Ihre Bilder sind dennoch keine Collagen im engeren Sinn. Sie sind gemalt, und auch der Leerraum zwischen den Bildelementen ist gemalt, oft in Weiß, die Schatten in Grau, wie Trompe-l’œils, aber nachlässig und durchlässig genug, um nicht den Verdacht zu wecken, es ginge hier um Täuschung. Für Gritli Faulhaber ist das Kopieren der digitalen Vorlagen eine Strategie, um sie malerisch neu zu erleben, zu verstehen und zu interpretieren. Es geht ihr um die Beziehungen zwischen den Elementen, um Kontexte, die sie herstellen oder andeuten, um Blicke und Gesten. Manchmal ergänzt sie die großen Leinwände durch kleinere Bilder, Keilrahmen an Keilrahmen gehängt, wie die probeweise Erweiterung einer Mindmap um einen neuen Gedanken oder um die Bildidee, mit der alles anfing.
Gritli Faulhaber, 1990 in Freiburg im Breisgau geboren, studierte in Leipzig, London und in Zürich, wo sie heute lebt und arbeitet. Als Dozentin lehrt sie zudem an der Zürcher F+F Schule für Kunst und Design, Schwerpunkt: Überlebensstrategien der Malerei im 21. Jahrhundert. Ihre eigene künstlerische Praxis ist dafür ein gutes Modell. Lange war der männlich geprägte Diskurs von Kunstwissenschaft und Kunstmarkt geradezu besessen vom Tod der Malerei. Immer wieder wurde er verkündet – und immer wieder wurde erzählt, wie sie es dann doch geschafft habe, sich im Kampf gegen konkurrierende Konzepte zu behaupten. Kunstgeschichte als Heldengeschichte, auch dieses Konzept scheint unsterblich. Faulhaber interessiert sich stattdessen für die sozialen und kulturellen Bedingungen des künstlerischen Schaffens von Malerinnen seit dem 19. Jahrhundert. Zugleich erkundet sie in ihren Kompositionen ihr eigenes Verhältnis zur Malerei. Deshalb verstehe sie ihre Pinboard-Formate immer auch als Selbstporträts, sagte Faulhaber im Interview mit der Kuratorin Gioia Dal Molin, die ihre Arbeiten 2023 mit Installationen von Constanza Candeloro im Istituto Svizzero in Rom ausstellte. Inspiriert von so unterschiedlichen Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker, Cardi B, Lee Lozano und der Dänin Gerda Wegener, Zeichnerin und Ehefrau der 1931 verstorbenen Transgender-Pionierin Lili Elbe, geben Faulhabers „Choreografien der Emotionen“ nicht nur Einblick in den Raum, in dem sie denkt, lebt und malt, sondern untergraben auf stille und bestimmte Weise auch die vermeintliche Autorität des kunstgeschichtlichen Kanons, dem sie Gesten der Verbundenheit und Komplizenschaft mit kaum beachteten Positionen der Kunstgeschichte entgegensetzt und eine Offenheit für das, was sich der Festlegung entzieht.
Im Kunsthaus Langenthal zeigt Faulhaber nun ihre wichtigsten Werkgruppen im Überblick, darunter auch Punktebilder aus der Serie „Militant Joy“, an denen sie auch dann noch arbeiten kann, wenn ihr Körper versagt. Seit einigen Jahren lebt sie mit der Autoimmunerkrankung ME/CFS. Die Serie bezieht sich auf das Konzept der „Crip Time“ der feministischen Disability-Theoretikerin Alison Kafer, die in Alltag und Arbeitswelt Raum für das individuelle, flexible Zeitempfinden chronisch Kranker jenseits der Produktivitätslogik einfordert.


