Anne Loch. Malerei: Na und?
Zentrum Paul Klee, Fruchtand 3, Bern.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 20. September 2026.
www.zpk.org
Es kommt selten vor, dass ich am Ende eines Ausstellungsbesuchs mehr Fragen habe als zu Beginn. Fast scheint mir, als sei das Fragezeichen im Titel der Ausstellung „Malerei: Na und?‟ zum Werk von Anne Loch nur für mich gesetzt worden. Dabei handelt es sich um eine Aussage der Künstlerin selbst. „Hinter jeder Arbeit steht das ‘Na und’“, wird Loch im Eingangstext zitiert. Dazu passt eine Aussage von 1991, gefunden in einem selbst-publizierten Büchlein, in dem Loch Bilder und Texte kombinierte: „Also, eigentlich bin ich an Bildern nicht interessiert. […] das Ergebnis ist mir immer gleichgültiger.“
Warum sollte man sich die Ausstellung einer Malerin anschauen, die den eigenen Werken gegenüber eine solche Distanziertheit an den Tag legt? Nun, zum einen, weil einem die Bilder in ihrer Hübschheit vielleicht trotzdem gefallen könnten. Zum anderen aber, weil sich in der Ausstellung eine Form von Denken nachvollziehen lässt, die widerständig, ruppig, ja fast schon anarchistisch daherkommt.
Den Anfang machen grossformatige Malereien von Bergblumen, mit Blüten so gewaltig wie Sonnenschirme. Sattes Gelb, Bergblau und Alpengrün. Es sind ‘harmlose Motive’, wie uns der Wandtext bescheinigt – und doch zeigen die Gemälde gut auf, mit welcher Logik sich Loch dem Bildermachen nähert. Die Detailaufnahmen der Pflanzensujets wirken wie angeschnitten, die Berglandschaft im Hintergrund dagegen nebensächlich und in die Ferne gerückt. Es ist ein kühler, fotografischer Blick, der hier zum Ausdruck kommt. Als Vorlage dienten farbige Aufnahmen in einem Bestimmungsbuch für Alpenblumen. Daneben fotografierte Loch selbst viel und nutzte das resultierende Bildmaterial als Vorlage für ihre Gemälde oder als Rohmaterial für Collagen.
Auf den Kontaktbögen, die Loch allesamt nummerierte und geordnet ablegte, ist eine zierliche Frau zu sehen, die sich mit ernstem Gesicht und cooler Pose inmitten eines Tessiner Sommergartens selbst in Szene setzt. Die Künstlerin, die nach einem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf Mann und Kinder verlässt, mehrere Jahre in Ravenna und Neapel lebt, zieht 1988 in die Schweiz. Es ist ein Schritt, mit dem sie die Bühne der internationalen Kunstwelt verlässt. Zuvor hatte Anne Loch noch mit Künstler:innen wie Cindy Sherman, Rosemarie Trockel oder Peter Fischli und David Weiss ausgestellt. Nun aber: das Durchgangsdorf Thusis, 2.500 Bewohner, ein Blumengarten. Wozu dieser radikale Bruch? Warum die selbstgewählte Einsamkeit im Bündnerland? Und: Von welchem Geld lebte Anne Loch in dieser Zeit? In Anlehnung an Kurt Schwitters Gedicht „An Anna Blume“ möchte man fragen: „Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?“
Klar ist, dass bis 2002 fünfhundert Malereien entstehen. Motivisch bleibt Loch nah bei der Natur: Landschaften, Blumen- und Tierbilder, Bäume, Stillleben mit Obst – und dazwischen auch Collagen, Fotoarbeiten und Fotografien. Beim Gang durch die Ausstellung wird schnell klar, dass hier eine Person am Werk ist, die ihr Handwerk beherrscht. Das Malen scheint ihr locker von der Hand zu gehen. Jeder Strich sitzt. Da und dort sieht man noch die Gestik des Farbauftrags, die Bewegung des Pinselstrichs im Himmel im Hintergrund, oder in der Art, in der sich ein Rosenblatt nach aussen wölbt.
2002 verlässt Anne Loch die Schweiz, 2013 kehrt sie schwerkrank nochmals ins Bergell zurück. Sie stirbt wenige Monate später. Zurück bleiben viele Gemälde und ein Blätterstapel mit Texten, in denen Loch ihre künstlerische Praxis reflektiert. „Die Augen sind das Denken‟ steht da, und „Das Gestalten geschieht zwischendurch“. Man beginnt zu ahnen, was es heissen könnte, Malerei als Ausdruck einer Auseinandersetzung mit der Welt zu verstehen. Für sich genommen mögen die Bilder banal erscheinen; die konsequente Haltung der Künstlerin dagegen beeindruckt nachhaltig.




