Clare Goodwin, At the Scale of Living: Vertraut und fremd

Clare Goodwin
Clare Goodwin, Ausstellungsansicht Helvetia Art Foyer, Basel, 2026, Foto: Viktor Kolibàl
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3. August 2026
Text: Iris Kretzschmar

Clare Goodwin, At the Scale of Living.
Helvetia Art Foyer, St. Alban-Anlage 26, Basel.
Donnerstag 16.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 10. September 2026.
www.helvetia.ch/kunst

Clare Goodwin
Clare Goodwin, Ausstellungsansicht Helvetia Art Foyer, Basel, 2026, Foto: Viktor Kolibàl

Für ihre Ausstellung im Art Foyer der Helvetia hat Clare Goodwin (*1973) eine Carte Blanche erhalten. Der Raum wirkt fast wie eine mondäne Eins-zu-eins-Wohnungseinrichtung. Umgeben von Wandobjekten aus Holz oder Keramik, die an konkrete oder kons­truktivistische Kunst erinnern, hat die Künstlerin auf einer grossen Plattform verschiedene Möbelskulpturen aufgebaut. Zu sehen sind eine grosse Tafel mit eingelegter Keramik, ein Tisch mit Stuhl, freistehende Regale mit einem Spiegel, Schalen und Vasen. Ergänzt wird das Environment durch eine grossgemusterte Tapete im Design der 1970er Jahre und ein nachgebautes TV-Gerät von Studer/van den Berg (*1960/*1962), weiteren Werken aus der Sammlung der Helvetia sowie nostalgischen Objekten von Mitarbeiter:innen der Versicherung in einem Gestell. Relikte aus der vorangegangenen Ausstellung „Waisch no? “ runden das Szenario ab. Die einzelnen Gebilde dieses speziellen Interieurs hat die Künstlerin aus gefundenen, gebrauchten Teilen zusammengesetzt, die sie weder übermalt noch kaschiert hat. Trotz Secondhandelementen wirkt alles elegant, stimmig und präzise konstruiert. Gleichzeitig vertraut und fremd, ruft die formale Sprache der Objekte beim Betrachten Irritation und Neugier hervor. Es beginnt eine Reise im Kopf, ständig ertappt man sich bei der Frage, woher man dieses oder jenes Design eigentlich kennt, aus welcher Dekade des 20. Jahrhunderts es wohl stammen mag.

Clare Goodwin studierte Malerei am Royal Collage of Art in London, lebt und arbeitet seit 2003 in Zürich. In ihrer Malerei, Keramik, skulpturalen Assemblagen und Rauminstallationen greift sie auf frühere Bildsprachen modularer Küchen, Interieurs und standardisierte Möbelsysteme der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Sie zerlegt und transformiert sie zu neuen Anordnungen, erzählt Geschichten von früher, ohne nostalgisch zu sein. Tischplatten, Stühle und Schrankteile erscheinen nicht als neutrale Formen, sondern als Bedeutungsträger von Gebrauch, Gewohnheit, gesellschaftlichen Ambitionen und Begehren. Dabei öffnet das Erinnerungspotenzial von Farbe, Muster, Material und Textur Dialoge zwischen Skulptur, Objekt, Bild und architektonischem Raum. Mit gezielt ausgewählten Modulen unterschiedlicher Zeit und Herkunft baut sie ein neues Verweissystem aus unterschiedlichen ästhetischen Codes auf. Vergangenen Einrichtungsstrukturen haucht sie so nicht nur neues Leben ein, sie überprüft auch Fragen sozialer Herkunft, seziert den Zeitgeschmack und setzt sie mit heutiger Ästhetik in Beziehung. Abstraktes verbindet sie mit Konkretem, Intimes mit Alltäglichen, Fragen nach Gebrauch und Funktion mit menschlichen Beziehungen.