Pierre Huyghe.
Fondation Beyeler. Baselstr. 101, Riehen/Basel.
Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20 Uhr.
Bis 13. September 2026.
www.fondationbeyeler.ch
Wer Pierre Huyghes Auftritt auf der documenta 12 vor vierzehn Jahren gesehen hat, erinnert sich an den französischen Künstler vermutlich als einen Schöpfer. Der Hund „Human“ mit dem pinkfarbenen Bein, der liegende Frauenakt mit einem Bienenvolk als Kopf wirkten wie Erweiterungen der Kunst durch lebendige Organismen. Daran muss man denken, wenn man nun seine Einzelschau in der Fondation Beyeler betritt. Lebewesen, die niemand im Museum haben will, krabbeln um ein eingelassenes Loch in der Wand. Die Ameisenstraße folgt der vorgesehenen Route. Die Insekten werden das Lebendigste sein, was in dieser monografischen Schau in Riehen zu sehen ist. Denn Huyghe hat das Organische durch Künstliche Intelligenz und Roboter ersetzt.
Der 1962 geborene Künstler hat die Ausstellungsräume in eine Abfolge von Schwellen verwandelt, die in Dystopien überführen. Gerade noch blinde Scheiben geben plötzlich den Blick auf das frei, was sich hinter ihnen verbirgt, aus den Löchern in der Wand strömt Luft, durch andere sind Geräusche zu hören. In der Deckenkonstruktion mehrerer Räume fährt eine Art elektronischer Schlitten hin und her, der jeweils die Farbstimmung verändert. Der Boden ist mit Teppichen ausgelegt, die aus dem Museum Ludwig stammen und auf dem die Besucherinnen und Besucher Spuren hinterlassen haben, oder die mit Blur-Effekten bedruckt sind. Die Räume sind diskret verdunkelt, in einem windet sich ein Wurm, eine Frau lehnt an einer Wand, ihr Gesicht ist von einem goldenen Oval bedeckt, an einer anderen Wand hängt Max Ernsts Bild „The Witch“. In zwei annähernd identischen Tanks stehen regungslos zwei Steine im Wasser als hätten sie sich reproduziert, im Wasser läuft ein Pfeilschwanzroboter auf dem Sand, ein lebendes Fossil, wäre er denn lebendig. Die Titel von Huyghes Arbeiten „Apnea“ und „Alchimia“ klingen belebt oder als ständen sie kurz davor, in einem Alchemistenlabor zu Leben erweckt zu werden. Vor allem sieht das Ganze sehr nach Szenografie aus, wie ein Bühnenbild für einen Faust der Gegenwart.
„Liminals“, die aktuelle Arbeit von Pierre Huyghe, die zuvor in Berlin in einer Industriearchitektur zu sehen war, trägt die Schwelle bereits im Titel und ist in der Fondation Beyeler in einem eigenen Raum zu sehen. Auch hier: sehr viel Dunkelheit. Eine Frau irrt durch eine postapokalyptische, sonnenlose Landschaft, die nur aus schroffer Oberfläche zu bestehen scheint. Auf der nackten Haut hinterlässt diese Abdrücke, es ist ein individueller Körper, eine Frau mit Kurzhaarschnitt, Pigmentflecken und einer Narbe auf dem Bauch. Wo ihr Antlitz sein sollte, klafft eine Kuhle, so schwarz wie ein blinder Screen. Mitunter ist sie wie ein weiblicher Rückenakt inszeniert, mehrfach steckt sie einen Finger in den Boden. Fünfzig Minuten geht das so. Das Geröll kreist, die Frau tastet sich in dieser Wüstenei weiter vor. Bestimmte Szenen seien auf einem auf Quantenrauschen basierenden KI-Modell generiert worden, kann man nachlesen. Einen Frauenkörper zu entindividualisieren und ihn mit einem ominösen – wenn auch dürren ˗ Narrativ aufzuladen, ist dann nicht eben ganz neu. Dafür rauscht es tatsächlich sehr, Kunstgewerbe auf neuestem technischem Niveau.
In „Camata“, ein Jahr zuvor entstanden, ist ein Skelett der Protagonist. In der gleichnamigen chilenischen Wüste, in der Nähe der Kupfermine Chuquicamata wurden die Überbleibsel eines Mannes gefunden. Die Kamera tastet die Rippenbögen ab, registriert jedes Detail des Schädels, der Mann scheint sterbend in den Sand gesunken zu sein. Roboterarme führen ein groteskes Ballett auf, sie setzen Objekte ab und nehmen sie wieder auf. Später sieht man in einer Drohnenaufnahme, wie die Kameraschiene um das Skelett geführt ist. Sie wirken wie eine Manifestation des Voyeurismus, der dem Film eingeschrieben ist. Pierre Huyghe bringt Steine zum Kalben und geht in die Todeszonen dieser Welt. Falls hier etwas erschaffen wird, ist es kalter Kitsch.




