Carl-Henning Pedersen & Else Alfelt: Dimensionen von Freiheit. Das Hinterfragen kunsthistorischer Erzählungen

Else Alfelt, Universets blomst nr. 22. Met blomsterlignende cente, 1966, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Carl-Henning Pedersen & Else Alfelts Museum, Foto: Ralf T. Søndergaard
Review > Lübeck > Kunsthalle St. Annen
30. Juli 2026
Text: Massiel Möhring

Carl-Henning Pedersen & Else Alfelt. Dimensionen von Freiheit.
Kunsthalle St. Annen, St. Annen-Str. 15, Lübeck.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 25. Oktober 2026.

kunsthalle-st-annen.de

Carl-Henning Pedersen, Vandrerne, 1943, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Carl-Henning Pedersen & Else Alfelts Museum, Foto: Ralf T. Søndergaard
Else Alfelt, Japan, 1967, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Carl-Henning Pedersen & Else Alfelts Museum, Foto: Ralf T. Søndergaard

[— artline>Nord] Wer die Kunsthalle St. Annen in diesem Sommer besucht, begegnet mehr als 150 Arbeiten zweier dänischer Künstlerpersönlichkeiten, deren Werke eng miteinander verbunden sind und die dennoch eine bemerkenswerte Eigenständigkeit bewahren. Die Ausstellung „Dimensionen der Freiheit“ widmet sich Else Alfelt (1910-1974) und Carl-Henning Pedersen (1913-2007), zwei prägenden Figuren der CoBrA-Bewegung. Diese internationale Künstlergruppe entstand Ende der 1940er Jahre als Reaktion auf die Erfahrungen von Krieg und Besatzung und suchte nach neuen, freien Ausdrucksformen jenseits akademischer Traditionen. Vor diesem Hintergrund entwickelten auch Alfelt und Pedersen ihre Bildsprachen, die die europäische Nachkriegskunst nachhaltig prägten. Die Ausstellung widmet sich erstmals in dieser Breite ihrem Schaffen und zeichnet die Verbindungen und Unterschiede ihrer künstlerischen Entwicklungen nach.

Bereits in den frühen Arbeiten wird deutlich, wie unterschiedlich das Künstlerpaar auf die Ereignisse ihrer Zeit reagieren. Pedersens Gemälde verbinden expressive Kraft mit politischen Anspielungen. Motive von Zerstörung und Hoffnung stehen dicht nebeneinander und spiegeln die Umbrüche der Kriegsjahre wider. Alfelt hingegen richtet ihren Blick auf abstrahierte Landschaften, Berge und kosmische Räume. Charakteristisch für ihren Stil sind kristallartige Formen sowie abstrahierte Berglandschaften. Besonders die aufragenden Gipfel blieben über viele Jahre hinweg eines ihrer zentralen Motive. Geprägt von Einflüssen des Expressionismus und der Lyrischen Abstraktion entwickelte Alfelt eine neue Bildsprache im Bereich der Landschaftsmalerei. Ihre Werke bewegen sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, wirken jedoch keineswegs weltabgewandt, sie eröffnen vielmehr Räume der Freiheit. Gerade in dieser Gegenüberstellung entfaltet sich die besondere Spannung der Ausstellung. Gegen Ende des Krieges hielten auch Chaos und Zerstörung Einzug in ein für Carl-Henning Pedersen ungewöhnliches Werk, welches Feuer in der Stadt darstellt und sich deutlich von seinen sonst typischen Darstellungen von Tieren und Masken unterscheidet. In seinem Gemälde „Die brennende Stadt“ von 1944 reagierte er auf die Kriegserfahrungen und ließ sich dabei erkennbar von Alfelts Landschaftsdarstellungen inspirieren.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der außergewöhnlichen Materialvielfalt. Gemälde, Aquarelle und Mosaike verdeutlichen, wie intensiv beide mit Farbe und Oberfläche experimentierten. Mal verdichten sich Farbräume zu vibrierenden Kompositionen, mal treten Strukturen und Texturen plastisch hervor. Besonders in den späteren Werken werden die unterschiedlichen Entwicklungen sichtbar. Während Pedersens Malerei offener und leichter wird, richtet Alfelt ihren Blick zunehmend auf serielle Bildideen und ihre intensive Auseinandersetzung mit kosmischen Themen. Die Ausstellung verschweigt dabei auch in keinem Fall die unterschiedlichen Voraussetzungen, unter denen beide Künstler*innen wahrgenommen wurden. Obwohl Else Alfelt eine eigenständige und einflussreiche Position entwickelte, stand ihr Werk lange Zeit im Schatten ihres Mannes. Die gemeinsame Präsentation eröffnet daher neue Perspektiven auf ihr Schaffen und thematisiert kunsthistorische Erzählungen, die hinterfragt werden müssen.

Über die Beziehung zwischen Alfelt und Pedersen hinaus öffnet die Ausstellung den Blick auf Fragen gemeinschaftlichen Arbeitens. Sie thematisiert die Bedeutung von künstlerischen Netzwerken und Kollektiven und bietet die Möglichkeit, sich als Besucher*in mit Sichtbarkeit und Teilhabe innerhalb der Kunstgeschichte sowie im Kontext der Aktualität interaktiv auseinanderzusetzen. Die Ausstellung bietet so einen differenzierten Eindruck von Alfelts und Pedersens Werk, sowohl als Künstlerpaar als auch im Kontext der CoBrA-Bewegung.