Carrying: Mit dem Gastkumpel unterweges

Carrying
Cana Bilir-Meier, Ein Neues Wort, 2025, Filmstill, © Courtesy the artist
Review > München > Museum Brandhorst
28. Juli 2026
Text: Jürgen Moises

Carrying.
Museum Brandhorst, Theresienstr. 35a, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. November 2026.
www.museum-brandhorst.de

Carrying
Leyla Yenirce, Company, 2026, © Leyla Yenirce, Courtesy the artist und Capitain Petzel, Berlin, Foto: Gunter Lepkowskki
Carrying
Louise Lawler, No Drones (adjusted to fit), und Crazy 2010/2011, Udo und Anette Brandhorst Sammlung © Louise Lawler, Courtesy the artist, Metro Pictures, New York, und Sprüth Magers, Foto: Johannes Haslinger
Carrying
Louise Lawler, Portrait, 1982, Udo und Anette Brandhorst Sammlung © Louise Lawler, Courtesy the artist, Metro Pictures, New York, und Sprüth Magers

Tschu, tschu, tschu! So haben früher die Dampflokomotiven gemacht, woran heute noch das Kinderlied „Die Eisenbahn“ erinnert. Darin geht es um ein Kind, das nicht alleine in Urlaub fahren will und deshalb seine Freunde, seine Oma, seinen Teddy mitnimmt. In der Version des Liedes, die im Museum Brandhorst zu lesen und zu hören ist, ist das anders. Auch da geht es um die Eisenbahn. Aber das singende „Ich“ im Text „will endlich Deutschland“ fahren. Und weil es das ebenfalls nicht alleine machen will, heißt es: „da nehme ich mir die FLEISSIGE AMEISEN mit“. Auch danach geht es im Text anders weiter und es tauchen weitere fett gedruckte Wörter wie „Auslandsbruder“ oder „Gastkumpel“ auf. Diese Neufassung des Liedes stammt von Fatos Haug, einem Mitglied des Münchner Chors „Suzi Dil Koro“, der vorwiegend aus türkischen Arbeitsmigrant:innen besteht. Und geschrieben hat er es für die in der Ausstellung „Carrying“ gezeigten Videoarbeit „Ein neues Wort“ von Cana Bilir-Meier (*1986), die darin das Einproben des Lieds dokumentiert. Der Hintergrund dafür: Im Jahr 1970 startete der Westdeutsche Rundfunk einen Wettbewerb, um eine Alternative für das Wort „Gastarbeiter“ zu finden. Mehr als 32.000 Einsendungen gab es, von denen viele schräg, nicht wenige aber rassistisch waren. Auch sonst geht es in der Ausstellung „Carrying“ um problematische Momente und Motive in der deutschtürkischen Geschichte. Aber das noch konkreter gebunden an den Ort.

Das heißt: Bezugspunkte sind in „Carrying“ die „Türkenkaserne“, die „Türkenstraße“, der „Türkengraben“ und das „Türkentor“. Die Türkenkaserne? Die hieß offiziell Prinz-Arnulf-Kaserne und war früher dort, wo heute das Museum steht. Die Türkenstraße führt am Museum vorbei. Der Türkengraben war ein vom Kurfürsten Maximilian II. Emanuel initiiertes Wasserinfrastrukturprojekt, das nie vollendet wurde. Und das Türkentor ist als einziges von der Türkenkaserne übrig. Um diese Orte und Objekte in den Blick zu bringen und „die Verschränkung von militärischer und kultureller Macht“ zu befragen, wurden sieben Künstlerinnen ausgewählt, deren Werke im Museum verteilt sowie daneben im Gras und im Türkentor zu sehen sind. Dort im Türkentor hat seit 2010 die monumentale Skulptur „Large Red Sphere“ von Walter De Maria (1935-2013) ihren Ort, worauf nun Louise Lawler (*1947) mit zwei Arbeiten reagiert. Das eine ist „No Drones (adjusted to it)“, eine als Wandfolie realisierte Fotografie von Gerhard Richters (*1932) Gemälde „Mustang-Staffel“ von 1964. Das andere ist „Crazy“, eine knapp über dem Boden hängende Disco-Kugel, deren Licht an die Bilder von ferngesteuerten Luftangriffen im Irakkrieg 1990/91 erinnern soll. Von der „Mustang-Staffel“ bis zu Drohnen wird hier ein militärischer Assoziationsraum eröffnet, der mit der ehemaligen Türkenkaserne in Dialog tritt. Bei Kate Newbys (*1979) Installation „anything.anything“ schlängeln sich 1.000 weiße Ziegel in zwei Bahnen im Gras neben der Türkenstraße entlang. Diese erinnern an Kanalrinnen, lassen sich aber auch als Verweis auf den unvollendeten Türkengraben lesen. Helin Alas (*1982) hat aus Versatzstücken die „Typusfigur“ eines osmanischen Soldaten geschaffen, der im Eingangsbereich des Museums steht.

Tiffany Sia (*1988) macht in vier Videos unter anderem den militärischen Ursprung der Zeitmessung zum Thema. Jaune Quick-to-See Smiths (1940-2025) eindrückliches Gemälde „Trade Canoe: Don Quichote in America“ setzt sich mit dem amerikanischen Imperialismus auseinander. Und Leyla Yenirces (*1992) Installation „Company“ vereint Musik und großformatige Gemälde, in denen Fotos von mutigen Frauen aus Kunst und Politik wie Chantal Akerman (1950-2015) oder Hevrin Khalaf (1984-2019) eingearbeitet sind. Dass es in der Ausstellung ausschließlich weibliche Positionen gibt, ist wohl kein Zufall, sondern eher ein Kontrapunkt zu männlichen Machtstrukturen in der Kunst. Und dass sich die Objekte im und um das Museum verteilen, hat den Effekt, dass man dieses quasi von allen Seiten erkunden muss. Dadurch verschränken sich die lokale und die Kunstgeschichte noch weiter, auch wenn man unterwegs etwas den Faden verliert. Inspirierend und lehrreich ist „Carrying“ aber ohne Frage.