Inland: Shepherdology.
Künstlerhaus Stuttgart, Reuchlinstr. 4b, Stuttgart.
Bis 4. Oktober 2026.
www.künstlerhaus.de
Tamarind Rossetti und Stephen Wright leiten seit 2024 das Künstlerhaus Stuttgart und übertragen Methoden aus der Landwirtschaft in die Kunst.
artline: Was bedeutet Shepherdology?
Tamarind Rossetti und Stephen Wright: „Shepherdology“ bezeichnet die Lehre vom Hirtentum im erweiterten Sinne. Dabei wird die Hirtenarbeit sowohl als materielle als auch als metaphorische Praxis verstanden – also einerseits als das Hüten von Schafen und andererseits als die Fürsorge für all jene Seelen, die eine Gemeinschaft ausmachen. Im heutigen Sprachgebrauch ist der griechischstämmige Begriff „Poimenik“, der dasselbe bedeutet, auf den Bereich der Theologie beschränkt. Wir suchten nach einem Wort, das sowohl leicht verständlich als auch etwas ungewöhnlich war, um eine Art Linse zu schaffen, durch die sich die Arbeit von INLAND mit der „Shepherd’s School“ verorten lässt.
artline: Was haben Hirten und Herden in einer Institution wie dem Künstlerhaus Stuttgart verloren?
Tamarind Rossetti und Stephen Wright: Viele Künstler und Künstlerkollektive haben den Schritt aus den Kunstinstitutionen in andere Lebenswelten gewagt, oft in ländliche Gebiete. Dabei geht es weniger um eine „Flucht“ als vielmehr um eine Praxis, die aus der Ferne betrachtet an saisonale Wanderbewegungen erinnert. Wenn ein Künstler beispielsweise eine Kunstinstitution verlässt, um sich auf die Weide zu begeben, entsteht in der Institution ein konzeptioneller Raum, der von Akteuren aus jenem anderen Feld, etwa Hirten sinnvoll gefüllt werden kann. Diese Art der extraterritorialen Wechselseitigkeit lässt sich in der zeitgenössischen Praxis häufig beobachten. Ein konkretes Beispiel hierfür ist die traditionelle Praxis der Transhumanz – die saisonale Wanderung von Schafen auf der Suche nach besserem Futter und günstigeren Wetterbedingungen. Künstler suchen durch ihre Arbeit nach besseren Lebensweisen und lernen aus ihrer eigenen künstlerischen Forschung; im Fall von INLAND bedeutet dies, von traditionellen Formen der Hirtenarbeit zu lernen und dieses Wissen mit anderen zu teilen.
artline: Ist die Beschäftigung mit Landwirtschaft und Nahrungsketten in der Kunst eine Mode?
Tamarind Rossetti und Stephen Wright: Wir sind der Ansicht, dass die Landwirtschaft die Zukunft der Kunst ist (und im Umkehrschluss die Kunst die Zukunft der Landwirtschaft). Wir kommen aus der regenerativen Landwirtschaft und lassen uns von deren Methoden inspirieren, um für „perma-artistische“ Praktiken zu plädieren – also für Praktiken, die in der Lebenswelt verwurzelt sind, im Maßstab 1:1 operieren und dennoch ein starkes metaphorisches Potenzial besitzen. Wir vertreten ein ungewöhnlich weites Verständnis von Landwirtschaft, in dem der Mensch nur eine kleine Minderheit der „Landwirte“ ausmacht: Wir betrachten alle lebendigen Akteure, die im Laufe ihres Lebens gemeinsam eine Landschaft nutzen, als landwirtschaftlich tätig. Historisch gesehen sind die Schicksale von Landwirtschaft und Kunst eng miteinander verknüpft, und wir sehen viele Parallelen bei den Krisen, mit denen beide Bereiche künftig konfrontiert sind.


