Convivium. Nahrungssysteme am Limit.
Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40, München.
Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 11. Oktober 2026.
www.pinakothek-der-moderne.de
Der ungarische Zuchtbulle ist ein Minotaurus der traurigen Gestalt: Eine hybride Kreatur, eingepfercht und zur permanenten Reproduktion verdammt. Man kann angesichts der perfektionierten Besamungsmaschinerie kaum mehr von „Tier“, geschweige denn von „Haltung“ sprechen. Mit leerem Blick schaut der „Technominotaurus“ dich an. So heißt Dániel Szalais (*1991) eindrückliche Kunst-Installation, die jetzt Teil der hochaktuellen Ausstellung „Convivium – Nahrungssysteme am Limit“ in der Münchner Pinakothek der Moderne ist. Konzipiert wurde die umfassende Präsentation vom Architekturmuseum der TU, kuratiert von Andjelka Badnjar und Andres Lepik. Sie bietet einen spannenden Parcours in zwölf Kapiteln, ebenso textintensiv wie üppig veranschaulicht. Er führt auf die ausgetrockneten Felder Siziliens und die Sojaplantagen in Brasilien, zu den Oktopus-Fischern nach Portugal und in die Getreidesilos der Ukraine. Es geht um Indoor-Farming und Aquazucht, um Grain Drain und Cash Cows. Da ist es kaum zu glauben, dass im bayerischen Oberland tatsächlich vielerorts noch grasende Kühe stehen. Doch glücklich ist was anderes: Auch die ständige Milchproduktion ist für die Tiere eine echte Quälerei. Das gläserne Gewächshaus ist eine Erfindung aus den Niederlanden, perfektioniert in Großbritannien. Die Schau gibt Einblicke in die hochmodern digitalisierte Gewächshauskultur, in der Licht, Luft, Wasser und Arbeit keine natürlichen Bestandteile mehr sind, sondern nur noch Verfügungsmasse fürs Motherboard. Die Studie „Pig City“ des Architekturbüros MVRDV von 2000 ergab, dass in den Niederlanden damals rund 15,2 Millionen Schweine und 15,5 Millionen Menschen lebten. Weil eine artgerechte Haltung der Tiere 75 Prozent der Landfläche gebraucht hätte, schlugen die Star-Architekten provokant vor, die Flächen in der Vertikalen zu organisieren. In China gibt es inzwischen solche Zucht-Hochhäuser: 26 Stockwerke für 1,2 Millionen Schweine.
Komplexe Zusammenhänge werden hier eingängig aufgezeigt: Zum Beispiel das Lachs-Tomaten-Dilemma, ein fataler Kreislauf. Für ein Kilo essbaren Lachs müssen – aufgrund des Ausschusses durch Krankheit und Überzüchtung – rund 5,1 Kilo Wildfisch verfüttert werden. Dieser kommt meist aus den stark überfischten Küstenregionen Westafrikas. Dadurch brach dort die Kleinfischerei zusammen, die Menschen verloren ihre Lebensgrundlage und machten sich auf den Weg nach Europa, wo sie als Arbeitsmigrant:innen wiederum im spanischen „mar del plástico“ um Almería landen. Rund hunderttausend Billiglohnarbeiter aus Westafrika und dem Maghreb schuften dort unter härtesten Bedingungen für uns. Eine originale, notdürftig ausgestattete Koch- und Esskammer zeugt vom kargen Leben im Dauer-Provisorium. Film und Fotos lassen die Menschen zu Wort kommen – und zeigen, wie wesentlich hier das einzige Gemeinschaftsritual Essen ist.
In Spanien gibt es inzwischen vielerorts kein Grundwasser mehr, Meeresentsalzungsanlagen sollen die Bewässerung garantieren. Jedes Stück Gemüse ist also Teil eines gigantischen Wasser-Transfers in den Rest von Europa. Man erfährt noch viele erstaunliche Zahlen und Fakten: Für die Viehzucht wird heute weltweit die vierfache Sojamenge wie vor zehn Jahren benötigt. Auch in der EU dienen mehr als 70 Prozent der Ackerflächen dem Futtermittelanbau. Und: Deutschland hat keine Nahrungssouveränität. 60 Prozent der Lebensmittel werden importiert. Der Elefant, der da im Raum steht, ist natürlich das Thema Fleischkonsum und Vegetarismus. Das wird allerdings bewusst nicht weiter thematisiert.
Als „Parabel der Landwirtschaft des Anthropozän“ wird der generalstabsmäßige Erdbeeranbau im oberbayerischen Tüßling bei Altötting gezeigt. Und der Weg der Beeren über das Logistikzentrum bis in die Großmarkthalle sichtbar gemacht: Auch hierzulande ist Landwirtschaft zunehmend Hightech. Am Ende von „Convivium“ lädt eine begehbare Installation zur Reflexion ein, mit magisch leuchtenden Mikroorganismen, die „lebendige Böden als Grundlage einer blühenden Zukunft“ versinnbildlichen. Auf dem Weg dorthin kann einem angesichts der vielen Beispiele für die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen die Zuversicht schon mal abhandenkommen, dass die Menschheit das noch hinkriegt.




