Swaantje Güntzel

Swaantje Güntzel, Rescue Animals: Hund I, 2023, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Fotos: Tobias Hübel
Porträt
15. Juli 2026
Text: Peter Boué

Stadt der Dinge. Swaantje Güntzel.
Kulturstiftung Schloss Agathenburg, Hauptstr., Agathenburg.
Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
19. Juli bis 13. September 2026.

www.schlossagathenburg.de

swaantje-guentzel.de

Swaantje Güntzel, Rescue Animals: Hund II, 2023, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Fotos: Tobias Hübel
Swaantje Güntzel, Rescue Animals: Katze, 2023, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Fotos: Tobias Hübel
Swaantje Güntzel, Hand, 2023, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Fotos: Tobias Hübel
Swaantje Güntzel, Elon, rot on Mars, 2026, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Fotos: Tobias Hübel

[— artline>Nord] Die Landschaft und die Person stehen auf das Äußerste zentriert: die schneebeckte Küste gegenüber öffnet sich zum Meer unter den rot beschienen Wolken des Sonnenuntergangs. Das Licht nimmt ab, am Ufer unten steht eine Frau im blauen Kleid, sie trägt etwas Schweres. Sie wendet uns den Rücken zu, die Wellen brechen zu ihren Füßen. Sie ist allein in der Weite. Dieses Foto von Swaantje Güntzel spricht alle Sinne an: es erzählt von der Erhabenheit der Landschaft, von der Macht der Natur gegenüber dem Menschen und von Verletzlichkeit. Und man erkennt es natürlich als ein Wiedergänger-Motiv, als eine alles das implizierende Paraphrase auf den Mönch am Meer und andere Bilder von C.D. Friedrich.

Swaantje Güntzel ist 1972 geboren und studierte Ethnologie, nach ihrem Abschluss begann sie ein Aufbaustudium an der HFBK in Hamburg. Ausstellungen und zahlreiche Residencies führten sie später an viele Orte, u.a. nach Österreich, Bolivien, Griechenland, oft auch in nordische Länder wie Dänemark, Schweden und Norwegen. Unabhängig von ihrer eigenen künstlerischen Arbeit kollaboriert sie seit 2009 mit ihrem Partner Jan Philip Scheibe, Gemeinsam untersuchen die Einflüsse von Lebensräumen und Landschaft unsere Alltagsrealität. Sind in der Zusammenarbeit kulturelle und ökologische Faktoren die zentralen Themen, so arbeitet sie selbst vor allem zum Verhältnis von Mensch und Natur. Als ausgebildete Wissenschaftlerin geht sie dabei den Gegenstand, und damit ihre Kunst, von zwei Seiten an: mit dem Blick auf das Objekt – und auf uns selbst. In ihrer künstlerischen Arbeit jverwendet sie oft Bilder mit emotionalem Wert, ob mit und ohne kunsthistorischen Bezug, eigenes oder fremdes „Found Footage“-Material. Der Kopie einer klassischen, stürmischen Seelandschaft mengte sie Partikel von Mikroplastik bei (North Sea // Surprise Eggs, 2018), wodurch die Schaumkronen nun mehrfarbig schimmern. Womöglich noch und zunächst unauffälliger ist Ihre Fotorabeit, auf der eine Scholle mit Glitzer belegt wurde – Beispiele dafür, wie die Künstlerin ihre Bilder vielfach konnotiert; vorgeblich angenehm, aber auch satirisch, oder besser sarkastisch zugespitzt, im Sinne: Wir ernten, was wir säen. Analog dazu und zugleich komplexer ist ihre Skulptur „Stomach Contents XXL“ von 2014 zu verstehen: ein großer Warenautomat mit durchsichtigen Plastikkugeln ist Reservoir für Kinderspielzeug – Tierfiguren, Bälle und weiteres mehr, fingerlang oder golfballgroß, oft auch fragmentiert – das durchweg aus den Mägen einer Albatross-Art stammt. Zur Arbeit gehört, dass die Objekte von der Organisation Ture Atoll Conservancy auf Kure-Atoll, Teil der Hawaii-Inseln, stammen. Die Organisation ist maßgeblich am Verkauf einzelner Arbeiten daraus beteiligt. Unabhängig davon arbeitet Güntzel grundsätzlich gern mit wissenschaftlichen Institutionen zusammen, um ihre Inspiration mit ihrem Interesse an wissenschaftlicher Praxis zusammen zu führen. So wie das Wasser der Arktis auch zu Swaantje Güntzel geschickt werden mußte, bevor sie es – siehe das Bild eingangs – dem Meer zurückgab.

Güntzels Ausstellung in Agathenburg wird kapitelartig strukturiert sein, wie es den vier ausladenden Räumen entgegenkommt. Dass hier auch Tagesaktuelles in den Blick rückt, lässt das schöne Motiv eines dänischen Sammeltellers erahnen, auf dem eine Militärbasis auf Grönland abgebildet ist.