Politik am Küchentisch. Ernährung in der Gegenwartskunst.
Wilhelm-Hack-Museum, Berliner Str. 23, Ludwigshafen.
Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 4. Oktober 2026.
www.wilhelmhack.museum
Natürlich hat der Nachbar von Zhanna Kadyrova (*1981) allen Grund der Welt, zu einer der Scheiben Brot zu greifen. Wozu liegen sie sonst da? Als er seinen Irrtum bemerkt, versucht er wenigstens sein Messer am Stein zu wetzen. Keine Chance, die Oberfläche ist viel zu glatt. In Dörfern, insbesondere in Notzeiten, müssen Dinge nützlich sein. Kadyrovas Bemerkung im Video, es sei verboten, Kunst anzufassen, klingt wie aus einer anderen Welt. Zu Beginn des russischen Angriffskrieges auf ihr Land floh sie mit ihrer Familie in ein Dorf in den Karpaten. Der Titel ihrer Arbeit „Palianytsia“ bedeutet Brot. Es ist aber auch das Wort, dessen Aussprache den Feind entlarvte. Dass eine ukrainische Drohne diesen Namen tragen sollte, konnte Kadyrova vor vier Jahren noch nicht wissen. In der Ausstellung „Politik am Küchentisch – Ernährung in der Gegenwartskunst“ sind sowohl die Stein-Laibe und das angeschnittene Brot zu sehen als auch das dazugehörige Video. Es gibt einen Eindruck vom Dorf, einer Ausstellung in Kiew und zeigt die ukrainische Künstlerin am Flussufer. Das schnell fließende Gebirgswasser lässt die Steine besonders rund werden.
Krieg geht meist einher mit Hunger. Wenn Kriege geführt werden, können die Äcker nicht bestellt werden, in Dominique Kochs Video „Sowing the Seeds for the Future“ wird der Blick auf den Samen selbst gelenkt. In Aleppo, so erfährt man, sammelte das International Center for Agricultural Research in the Dry Areas das Saatgut von Nutzpflanzen, die besonders gut gegen Hitze gewappnet sind. Es musste aufgrund der Bombardierungen fliehen, einen Teil konnte das Zentrum mitnehmen, ein anderer Teil ist verschollen. Koch (*1983) zeigt, wie die Samen gereinigt, luftdicht verpackt und archiviert werden, wie Frauen Bohnen von den verdorrten Pflanzen klauben und grotesk anmutende, vergrößerte Samenkörner in vertrockneten Flussläufen liegen. Geht das menschliche Wissen über die Pflanzen, vor allem aber das Wissen der Pflanzen verloren, können ganze Regionen nicht ernährt werden. Es zu bewahren, ist also auch eine politische Aufgabe.
Am Küchentisch wird nicht nur debattiert, auch das, was wir an ihm essen, ist eine gesellschaftspolitische Frage. Die aktuellen Kriege mögen die Aufmerksamkeit für den Klimawandel geschmälert haben, für die Ernährungsfrage gilt das nicht. Sie ist noch dringlicher geworden. Daher beleuchtet die Ausstellung vor allem die Beziehung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft. In „Let them eat Cake“ greift Bianca Kenndy (*1989) das berüchtigte Zitat Marie- Antoinettes durch eine Fülle von Found footage auf. Die Filmsequenzen reizen die unterschiedlichsten Reaktionen aus, die mit dem Essen von Kuchen und Torte verbunden sind. Die Skulpturen des Kollektivs „Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise“ bestehen aus Kakao, Palmfett und Zucker und damit aus Rohstoffen, für die Menschen versklavt und kolonialisiert wurden. Der Kongo wurde von Belgien an den niederländischen Konzern Unilever weitergereicht, der Anfang des 20. Jahrhunderts Palmölplantagen errichten ließ. Im Video sieht man, wie sich die Einheimischen ihr Land wieder aneignen, auf traditionelle Weise ernten, Zeremonien im ihnen heiligen Land abhalten und auf Palmen blicken, die ihre Lebensgrundlage darstellen.
Raul Walchs (*1980) Video „For Those Who Danced the Skies“ ist den Vögeln gewidmet, die in Landschaften wie der italienischen Campania wegen der Gewächshauskultur kaum mehr Nahrung finden. Die Hallen sind verlassen, die Plastikplanen sind geblieben. Deirdre O’Mahonys (*1956) Film „The Quickening“ stellt die Gegenbewegung vor, die die industrielle Landwirtschaft korrigiert. Die Bilder zeigen Felder, die von Wildpflanzen durchsetzt sind und Käfer, die Tierkot zu fruchtbarem Boden machen. Gespräche mit Bäuerinnen und Bauern liegen der Arbeit als Recherche zugrunde, sie wurden zudem vertont. Die Lieder könnten neue Folksongs werden und die enge Beziehung zwischen der Sprache und dem Ackerbau erneuern. Mehr Boden, weniger Kuchen, das wäre mal eine Revolution.




