Mémoires Voyageuses.
Kunsthaus Baselland, Helsinki-Str. 5, Basel-Münchenstein.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 16. August 2026.
www.kunsthausbaselland.ch
Was waren nochmal die Zutaten für diesen Matschkuchen mit Blumendeko? Ach ja, richtig: etwas Wasser aus der Feldflasche eines Soldaten, ein bisschen Erde aus Pretoria, „die hat genug Kolonialismus in sich, ist also perfekt“ – und dann heißt es erstmal sieben. Denn: „Separieren ist wichtig“, sagt Helena Uambembe (*1994), „man trennt zunächst die Traumata und den Rassismus und dann die Apartheid. Das kann unschön sein, aber das war der Kolonialismus auch“. In ihrer Videoarbeit „How To Make A Mud Cake“ setzt sich die angolanisch-südafrikanische Künstlerin im Do-It-Yourself-Setting einer Pseudo-TV-Kochshow mit postkolonialer Geschichte und ihren Erzählweisen auseinander. Zwischen einer Wandarbeit aus Geschirrhandtüchern mit Warnhinweisen wie „May Contain Traces of Collective Punishment“ oder „May Contain Traces of Fascism“ ist Uambembes Video derzeit im Rahmen der Gruppenschau „Mémoires Voyageuses“ im Kunsthaus Baselland zu sehen. Kuratorin Ines Goldbach hat dafür acht Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die auf unterschiedliche Weise versuchen, kollektive und persönliche Erinnerungen oder mündliche Überlieferungen fruchtbar zu machen für eine Geschichtsschreibung, die nicht zwingend auf Schrift beruht, sondern auf dem Dialog mit Bildern, Landschaften, Beziehungen, Sounds oder Körpern. Uambembes Arbeit ist ein gutes Beispiel für diese Vielschichtigkeit. Die Künstlerin wuchs in Pomfret auf, einem Township in der Kalahari-Wüste im Nordwesten Südafrikas, wohin ihre Familie, die vor dem angolanischen Bürgerkrieg geflohen war, Ende der Achtziger umgesiedelt wurde. Weil Uambembes Vater nicht ins zerstörte Angola zurückkehren wollte, wurde er wie viele aus Pomfret für die Armee des Apartheid-Regimes und für Arbeitseinsätze in Asbestminen zwangsrekrutiert. Als die ANC-Regierung das Township im Jahr 2004 auflösen wollte, lehnte die Community eine erneute Entwurzelung trotz – oder wegen – der geteilten Gewalterfahrungen der vergangenen Jahrzehnte ab.
Auch für den angolanischen Künstler Binelde Hyrcan (*1982) sind Erfahrungen von Krieg, Verlust und Mangel wichtige Bezugspunkte. In Luanda aufgewachsen, hat er die zerstörerische Dynamik des Bürgerkriegs selbst miterlebt. In seiner künstlerischen Arbeit stellt er dieser das Glück der Gemeinschaft und die Notwendigkeit eines kollektiven Gedächtnisses gegenüber, das auf einer Vielzahl an Einzelperspektiven beruht – und dabei immer auch Zukunft im Blick hat, wie die vier Kinder in seinem Video „Cambeck“. Am Strand sitzen sie in einem selbstgebauten Auto aus Sand mit Blick auf das Meer und fantasieren fröhlich über ein entspanntes künftiges Leben hinter dem Horizont. Zu sehen ist das Video unter einem Himmel voller Laternen aus zerschnittenen Benzinkanistern.
Im Raum nebenan bietet Raphaël Barontoni (*1984) dagegen Menschen eine Bühne, die in der westlichen Geschichtsschreibung keinen Platz fanden. Seine Arbeiten erzählen zugleich von den Herausforderungen, die es bedeutet, diese Biografien zu rekonstruieren, ohne auf schriftliche Zeugnisse zurückgreifen zu können. Die betörenden, bis zu sieben Meter hohen Stoffcollagen, die er im Kunsthaus Baselland von der Decke hängen lässt, versteht Barontoni deshalb als „eine Art Denkmäler, um eine Gegengeschichte schreiben zu können“. Darauf zu sehen sind namenlose Maroons – geflohene Sklaven – in selbstbewusster Pose oder vergessene Revolutionärinnen wie Marthe-Rose, genannt Toto, die 1802 auf Guadeloupe gegen die Wiedereinführung der Sklaverei kämpfte und dafür hingerichtet wurde.
Im Begleittext zur Ausstellung zitiert Ines Goldbach die Autorin Carolin Emcke: „Wir erzählen nicht nur für uns selbst. Wir erzählen immer auch für die, die vor uns waren und die es selbst nicht mehr können. Wir erzählen, um an sie zu erinnern (…), auch für die, die nach uns kommen und die sich fragen, wie es geschehen konnte, was geschehen sein wird.“ „Mémoires Voyageuses“, als lockerer Parcours angelegt, bietet dafür denkbar vielfältige Ansätze.




