„Eine Lust, die tragisch wirkt…“ – Rolf Nesch und Hamburg.
Parabel Zentrum für Kunst in Hamburg.
Fuhlbüttler Str. 656, Hamburg.
Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
10. Juli bis 25. Oktober 2026.
[— artline>Nord] Diese Ansicht der Hamburger Skyline mit Lombardsbrücke und Binnenalster taugt eher nicht als topographisch genaues Dokument: „Alster“ von 1958/59, das 250 kg schwere, mit Glas, Porzellan, Stein und Metall besetzte Materialbild ist eine verdichtete, große Vision der Innenstadt am Wasser. Sein Künstler, der 1893 in Ober-Esslingen geborene Rolf Nesch, arbeitete von 1929 bis 1933 in Hamburg, ging aber angesichts des Nationalsozialismus und der erzwungenen Selbstauflösung des Künstlervereins der „Hamburger Sezession“ nach Norwegen, wo er bis zu seinem Tod 1975 lebte. Die große Arbeit „Alster“ wurde letztes Jahr von der „Stiftung Kunstsammlung Dr. Maike Bruhns“ für Hamburg aus Rotterdam erworben und aufwendig restauriert; sie bildet jetzt das Hauptwerkt einer repräsentativen Nesch-Ausstellung in der „Parabel“, der 2022 entwidmeten und behutsam zum Kunstort umgebauten Nikodemuskirche aus den fünfziger Jahren. Mit über 2500 Werken gilt die bis in die Gegenwart erweiterte Privatsammlung Maike Bruhns wesentlich der Bedeutung der Kunst in und aus Hamburg, mit besonderem Schwerpunkt auf der Kunst der Zwischenkriegszeit, der Hamburger Sezession und der verfemten Kunst der NS-Zeit.
Der von Kirchner und Edvard Munch beeinflusste Rolf Nesch bekam 1931 den ungewöhnlich wertschätzenden Auftrag des Hamburger Senats, Karl Muck zum 70. Geburtstag zu porträtieren, und lieferte eine Serie von 24 Radierungen des Dirigenten und seines Orchesters. Im Nachkriegsdeutschland kam der inzwischen auf einem Bauernhof im Hallingdal lebende Künstler der internationalen Moderne erneut zu Ehren: 1958 erhielt er mit dem Lichtwark-Preis die höchste Hamburger Kunstauszeichnung. Heute jedoch ist der damalige Teilnehmer an documenta I bis III und der Biennale di Venezia eher weniger bekannt. Sein Werk ist also für viele neu zu entdecken, besonders die technisch innovative Druckgrafik: Er gilt als Erfinder des Metalldrucks, einer neuen Mischung aus Hoch- und Tiefdruck.
Für seine Zyklen zu St. Pauli oder den stark zeichenhaften Hamburger Brücken wurden die Platten besägt und angebohrt und mit Draht, Fliegengitter oder Lochblech belötet. Von einer geplanten Serie zu Hagenbecks Tierpark entstanden vor Neschs Emigration nur noch die Zeichnungen. Die jetzt zusammengestellte Ausstellung zeigt neben den meist stark formalisierten, niemals aber ganz die Figuration leugnenden Hamburger Arbeiten auch Teile des umfangreichen Spätwerks, für das er als einer der wichtigsten Künstler Norwegens gilt.

