Bis 12. Juli 2026.
Weitere Informationen und Standorte unter gedaechtnis-luecken.de
[— artline>Nord] „Soweit ich weiß, wussten wir nichts“: Unklarheiten und Erinnerungsschwund prägen bis heute die Aufarbeitung der horrenden Mordserie der rechtsextremistischen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), der in Deutschland zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen, darunter neun mit Migrationshintergrund, zum Opfer fielen. Den systemischen „Gedächtnislücken“, die sich während des erst 2012 eingesetzten Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages auftaten, gab die Hamburger Künstlerin Katharina Kohl in einer gleichnamigen Grafikserie von 2017 bis 2018 mit Fokus auf die 17. Wahlperiode des Deutschen Bundestags Gestalt. Kohl, die den behördlichen Apparat der Inneren Sicherheit im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex über längere Zeit hinweg künstlerisch beleuchtete (u.a. in der Porträtserie „Personalbefragung“, 2012–2018), schwärzte Auszüge aus den online archivierten Protokollen der Zeug:innen-Aussagen – bis auf eben jene Äußerungen angeblicher Ahnungslosigkeit. Blätter dieser Werkserie sind nun auf Litfaßsäulen in Hamburgs Innenstadt, St. Pauli und Altona zu sehen, wo sie aus bunten Werbebotschaften hervorstechend das gefährliche Ausblenden und Vergessen vor Augen führen, das mit rassistischer Gewalt einhergeht und diese immer wieder möglich macht.
Den Kunst-im-öffentlichen-Raum-Parcours, der auch über eine eigene Webseite im Netz präsent ist und von Gesprächsveranstaltungen und Rundgängen unterfüttert wird, verwirklichte die Künstlerin in Kooperation mit der ebenfalls in Hamburg lebenden Kunsthistorikerin und Kuratorin des Projekts, Nina Kalenbach. Den Anstoß dazu gab eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Ermittlungen zum NSU-Mord in Hamburg 2025. Weiterhin bleiben viele Fragen offen. Am 27. Juni 2026 jährt sich die nie abschließend aufgeklärte Ermordung Süleyman Taşköprüs durch den NSU in Hamburg-Bahrenfeld zum 25. Mal. Selbst „15 Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU, bestehen noch immer Lücken in der Aufklärung zum NSU-Komplex“, so Katharina Kohl. „Wir hoffen, dass dieses Projekt einen Impuls zur Behebung der Lücken setzen wird.“ Wie Kalenbach betont, geht es zudem um die Anregung eines Stadtgesprächs, das Möglichkeiten aufzeigt, auf welche Weise „Erinnerungskultur in einer Stadtgesellschaft vielfältig gelebt werden“ kann. Kohls multimediales Denkmal auf Zeit, flankiert durch den von der Künstlerin gemeinsam mit dem Hamburger Fotografen DG Reiß betriebenen mobilen „Kunst-Imbiss“, eröffnet einen Dialog, der die Betrachter:innen dazu einlädt, durch aktive Beteiligung daran zur Überwindung gesellschaftspolitischer „Gedächtnislücken“ beizutragen.

