Landleben. Für ein halb Pfund Butter

Lotte Reimann, Hinterland, 2020, Ausstellungsansicht Kunstverein Hildesheim, Courtesy the artist, Foto: Christian Retschlag
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1. Juli 2026
Text: Kristina Tieke

Landleben.
Kunstverein Hildesheim, Kehrwiederturm, Am Kehrwieder 2, Hildesheim.
Mittwoch 18.00 bis 20.00 Uhr, Samstag 16.00 bis 19.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 5. Juli 2026.

Folgende Ausstellung: Weideland. 31. Oktober bis 6. Dezember 2026

www.kunstverein-hildesheim.de

Antje Schiffers (mit Thomas Sprenger), aus: Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben, 2000 – fortlaufend, Ausstellungsansicht Kunstverein Hildesheim, Courtesy the artist, Foto: Christian Retschlag
Antje Schiffers (mit Thomas Sprenger), aus: Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben, 2000 – fortlaufend, Ausstellungsansicht Kunstverein Hildesheim, Courtesy the artist, Foto: Christian Retschlag

Altersgefleckte Hände breiten vorsichtig die Fotos auf dem Küchentisch aus: „Das bin ich, das ist meine Zwillingsschwester Hertha … Und hier hat meine älteste Schwester geschrieben: Sander-Bild, Hertha Land, geborene Bitzer. Von August Sander für ein halb Pfund Butter fotografiert, 1946.“ Die Berliner Künstlerin Sandra Schäfer (*1970) hat auf den Spuren von August Sander den Westerwald besucht, wo sie selbst aufgewachsen ist. Noch immer hängen in den Stuben der Höfe Sanders Porträts von Bäuerinnen und Bauern, wie man sie aus seinem ikonischen Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ kennt. Auch Schäfers Vorfahren sind darunter. In ihrer Zweikanal-Videoinstallation „Westerwald – Eine Heimsuchung“ konfrontiert sie die historischen Aufnahmen mit ihrem Blick auf die monokulturelle Landwirtschaft der Gegenwart. Sie lässt August Sanders Zeitzeugen zu Wort kommen und Museumskuratorinnen ebenso wie Landwirtinnen und Landwirte, die von ihrem Alltag berichten. Aus den Fragmenten fügt sich ein eigenwilliges Porträt der Region, das Fragen nach Repräsentation und Leerstelle aufwirft, nach dem, was gezeigt wird und was verborgen bleibt.

In Schäfers Arbeit konzentriert sich das Wesen der fabelhaften Ausstellung „Landleben“, in der acht Künstlerinnen und Künstler im Kunstverein Hildesheim Landwirtschaft und Kunst zusammenbringen. Auffallend oft mit biografischen Zügen. August-Sander-Preisträgerin Jo Langenhoff (*2000) inszeniert die Suche nach ihrer queeren Identität vor dem Hintergrund ihrer bäuerlichen Herkunft. Die Fotoserie „ich oder so“ ist so luftig, so Wolfgang-Tillmans-artig als Cluster gehängt, dass hier die Leerstellen anregen, zwischen Bildern von Körper und Landschaft die Sphäre der Gefühle auszuloten. Lotte Reimann (1982) spricht in ihrer Videoarbeit „Hinterland“ mit einem Amateurfotografen, der steril wirkende Strommasten ablichtet und seiner Phobie, sich zu beschmutzen, dadurch begegnet, sich in Kuhdung zu suhlen. Seinen abwegigen Obsessionen kommt die Künstlerin einfühlsam nah. Distanziert und lakonisch dagegen wirkt Heinrich Riebesehls (1938-2010) berühmte Fotoserie „Agrarlandschaften“ aus Norddeutschland, seiner Heimat.

Selbst die Arbeit von Antje Schiffers (1967) scheint biografisch motiviert. Aufgewachsen in den sechziger und siebziger Jahren auf einem Hof in Heiligendorf bei Wolfsburg, sind ihr Mutterkühe und Rinderschlachtung, Vorratshaltung und Küchengeheimnisse vertraut. Gemeinsam mit Thomas Sprenger (1965) realisiert sie seit 2000 das internationale Projekt „Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“, für das sie Bäuerinnen und Bauern anbietet, ihren Hof zu malen. Im Gegenzug realisieren jene ein Video von ihrem Betrieb. Das Tauschgeschäft wirkt so unvermittelt wie August Sanders Auftragsfoto für ein halbes Pfund Butter. Dabei grenzt der bürokratische Aufwand in der Landwirtschaft mittlerweile an Irrwitz. Asunción Molinos Gordo (*1979) hat 2022 das Büro eines niedersächsischen Landwirts aus Neuenkirchen bei Soltau fotografiert. Die Phalanx der Aktenordner macht schaudern.

Im historischen Kehrwiederturm, in dem der Kunstverein Hildesheim zu Hause ist, sieht man jede Arbeit zweimal: beim Aufstieg und beim Abstieg. Das ist ein großes Glück. Bei der in Wien lebenden Künstlerin Eva Seiler (*1979), die eine Kette verzinkter Objekte aus dem Leben einer Kuh wie eine kryptische Kostbarkeit präsentiert, verdoppelt sich die Freude noch einmal. Sie wird auch in der Folgeausstellung „Weideland“ dabei sein. Dann dreht sich alles um die Beziehung von Mensch und Nutztier – mit Arbeiten von Bernhard Fuchs, Anna Lena Grau, Georg Nussbaumer, Eva Seiler und Yana Wernicke. Bei der Eröffnung von „Landleben“ übrigens sang der Verbundschor Garmissen-Garbolzum-Ahstedt die „Kartoffelkantate“. Auch das möchte man unbedingt noch einmal erleben.