Zauri Matikashvili: You may not want to be here. Der Vater als Zeitzeuge einer Geschichte der Globalisierung

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13. Juni 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Zauri Matikashvili: You May not wnat to be here.
Kunsthalle Münster, Speicher II, Hafenweg 28, Münster.
Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
13. Juni bis 13 September 2026.

kunsthallemuenster.de

[— artline>Nord]. Zwischen Nordwestdeutschland und Qwareli, der georgischen Heimatstadt von Zauri Matikashvili, liegen 4800 Kilometer. Das ist der Weg, den sein Vater seit drei Jahrzehnten mehrmals im Jahr zurücklegt. In Deutschland angekommen, kauft er dann einen gebrauchten Transporter, den er mit alten Möbeln, Fahrrädern und anderen Dingen volllädt, die hier niemand mehr haben will. Zurück in Georgien treibt er mit dem Sperrmüll aus dem Westen bescheidenen Handel. Es ist ein mühevoller, einsamer, entbehrungsreicher Job. Zauri Matikashvili, der in Münster und Düsseldorf Kunst studiert hat, begleitete seinen Vater auf einer dieser Reisen mit der Kamera. „Made in Europe“ von 2023 erzählt die Geschichte eines Mannes, der ständig ist Bewegung ist, ohne je anzukommen, und der seinen Halt vielleicht deshalb in traditionellen Werten sucht. Zugleich ist es eine Geschichte der Globalisierung, aus nächster Nähe und mit geringstmöglichem technischen Aufwand aufgezeichnet, die die sozialen, historischen und politischen Bedingungen von Identität und Zugehörigkeit in einer zunehmend auseinanderdriftenden Gesellschaft erkundet. Die Videoarbeiten, die Zauri Matikashvili aktuell in seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in der Kunsthalle Münster zeigt, kreisen um die Frage, wie der Alltag der Menschen durch Macht und Widerstand geprägt wird. „Vor dem Hintergrund einer Regression der Demokratie, der Konfrontation mit einem zunehmenden autoritären Populismus, einem allgemeinen politischen Rechtsruck sowie der Zunahme sozialer Ungleichheiten besitzen die Werke Matikashvilis eine besondere Dringlichkeit“, schreibt Merle Ratke, Kuratorin der Schau. „Er liefert Gegenstimmen zu jenen lauten, polarisierenden und diffamierenden Positionen, die Fakten ignorieren, verleugnen, verdrehen“.

Neben der frühen Videoarbeit „In Katernberg“ über die Herausforderungen, die es für Migrant*innen bedeutet, einen Ort in Deutschland zu ihrer Heimat zu machen, sind in Münster auch die gerade fertiggestellte Zwei-Kanal-Videoinstallation „Passing The Glass“ (2026) zu sehen sowie die eigenwillig persönliche Installation „You May Not Want To Be Here“ (2024/25). Im Zentrum der Skulpturenserie steht ein Tumor, der bei dem Künstler diagnostiziert wurde und mit dem er sich hier wie im Gespräch mit einem Gegenüber auseinandersetzt. „Wie bist du so schnell gewachsen? Was hat dich genährt? Ich habe dich nicht kommen sehen. Ich frage mich, was du vorhast. Noch vor wenigen Augenblicken warst du nicht da. Nichts als eine Idee, ein Code für ein anderes Werden. Und jetzt? So groß, so schnell, so wunderbar. Und stark – so, so stark!“