Franz Wanner: Eingestellte Gegenwarten.
Städtische Galerie im Lenbachhaus, Luisenstr. 33, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 19. Juli 2026.
www.lenbachhaus.de
Franz Wanner ist – im guten Sinne – eine Nervensäge. Der Künstler sucht Orte auf, deren Vergangenheit nur zu gerne vergessen wird. Er stellt scheinbar einfache Fragen. Er zeigt vermeintlich harmlose Bilder und setzt diese so zusammen, dass sie im Kontext ihre Unschuld verlieren. Wanner (*1975) hat eine Ausbildung als Fotograf und Filmer absolviert. Bild- und-Ton-Dokumentation in der Tradition von Harun Farocki hat er zu seiner künstlerischen Praxis gemacht.
Nun zeigt das Münchner Lenbachhaus einige von Wanners jüngsten Recherchen unter dem sperrigen Titel „Eingestellte Gegenwarten“. Und auch die verborgene Wirklichkeit, die er an die Oberfläche holt, sperrt sich einer einfachen Aufarbeitung. Die eigene Familiengeschichte war es, die ihn überhaupt zur Nachforschung animierte: Er fand heraus, dass im urgroßväterlichen Sägewerk in Dietramszell zur NS-Zeit Zwangsarbeiter schufteten. Spätestens seit der Videoarbeit „Dual-Use“ von 2016, die die militärische und zivile Nutzung von Technologie thematisierte, arbeitet Wanner investigativ – und sehr genau. Etwa 13 Millionen Personen mussten während der Nazi-Zeit Zwangsarbeit auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches verrichten. Unter schwersten Bedingungen und ohne jeden Arbeitsschutz, so dass der Tod von etwa zwei Millionen Menschen mehr als billigend in Kauf genommen wurde. Von rund 30.000 Zwangsarbeiterlagern, darunter tausend KZ-Außenlager, sind heute noch zwei erhalten. Dazu gehören auch die acht Baracken in München-Neuaubing, deren Insassen im Reichsbahnausbesserungswerk geschunden wurden.
Eine von einem Zwangsarbeiter oder einer Zwangsarbeiterin aus dem KZ Sachsenhausen gefertigte Schutzbrille aus Plexiglas steht exemplarisch für die Bedingungen, Opfer und Profiteure dieses Systems. Wanner erforschte das Material, das seit 1933 von der Darmstädter Firma Röhm & Haas patentiert, hergestellt und von der NS-Rüstungsindustrie im Flugzeugbau verwendet wurde. Fast glitzernd schön sehen die 42 mehr oder weniger versengten Teststücke aus Plexiglas der Raumfahrtforschung aus, die Wanner herbeischaffen konnte. Darüber hinaus ist Found-Footage-Filmmaterial von 1943 zu sehen: Eine augenscheinliche Ausflugs-Idylle in Berlin-Lichtenberg, durch die beiläufig im Hintergrund Zwangsarbeiterinnen eilen: zu erkennen an der Kluft mit Kopftuch und hastigem Schritt mit gesenktem Blick.
Außerdem hörte Wanner dem Sohn des norwegischen Widerstandskämpfers Haakon Sørbye zu, welcher zunächst ins Lager Natzweiler-Struthof kam und sich später in Ottobrunn 18 Stunden am Tag abrackerte. Dort war 1940 bis 1945 die „Luftfahrtforschungsanstalt München“ ansässig, in der KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisteten. Heute ist hier nicht nur der Standort von Airbus, hervorgegangen aus einem Konglomerat von Rüstungsunternehmen (neben Dornier u.a. Messerschmitt-Bölkow-Blohm), sondern auch von „Bavaria One“, Bayerns Raumfahrtprogramm. Ein paar hundert Meter entfernt vom heutigen Ludwig-Bölkow-Campus gab es im Wald noch Fundamente und Kellerräume des Kriegsgefangenenlagers. Da das einst im Besitz der BRD befindliche Areal veräußert wurde, sind Dokumentation oder gar der Erhalt der Bausubstanz kein Thema, obwohl das bayerische Denkmalamt sie als Bodendenkmal führt. Der heutige Besitzer begann, die Reste rauszureißen und zu schreddern. Wichtigste Quelle für die Lager-Relikte ist die Facharbeit „Im Zwang für das Reich“ des Ottobrunner Gymnasiasten Martin Wolf. Engagierte Lehrer und Schüler arbeiten dort seit vielen Jahren die lokale Geschichte auf. Dem Freistaat Bayern indes ist es offensichtlich kein Anliegen, die braune Tradition des Luftfahrttechnik-Standorts sichtbar zu machen. Franz Wanner konnte zuletzt 2024 Betonsockel und zugeschüttete Schächte inspizieren. Unklar ist, was jetzt noch erhalten ist.




