The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten: Jünglinge, Bodybuilder und enge Freundinnen

First Homosexuals
David Paynter, L'après-midi, 1935, © Nachlass des Künstlers
Review > Basel > Kunstmuseum Basel
11. Mai 2026
Text: Christian Gampert

The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten.
Kunstmuseum Basel Neubau, St. Alban-Graben 16, Basel.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 2. August 2026.
www.kunstmuseumbasel.ch

First Homosexuals
Romaine Brooks, Portrait of the Marchesa Casati, 1894
First Homosexuals
Irène Zurkinden, Freundinnen, 1937, © Nachlass der Künstlerin
First Homosexuals
Ludwig von Hofmann; Nackte Fischer und Knaben am grünen Gestade, 1900

Homosexualität und Geschlechtervielfalt zeigen sich ab dem 19. Jahrhundert auch in der Kunstgeschichte immer unverhüllter. Die Begriffe „trans“ und „gender“ waren damals noch unbekannt; was es aber gab, waren Codes und Andeutungen – und eine schwule und lesbische Künstler:innen-Szene, die sich selbst und ihre Liebhaber:innen malte. Auf einer japanischen Schriftrolle aus dem Jahr 1850, bemalte Seide, sieht man homo- und heterosexuelle Paare ziemlich eindeutig beim Geschlechtsverkehr, freundlich nebeneinander gelagert. Das ist das Vorspiel zu einer Ausstellung, die sich über schwul-lesbische Identitäten in der Kunstgeschichte Gedanken machen will und dabei theoretisches Beiwerk gleich mitliefert. Denn während Mitte des 19. Jahrhunderts sich manche einem „dritten Geschlecht“ zugehörig fühlten, weder Mann noch Frau oder gleich beides, war der Schriftsteller Karl Maria Kertbeny eindeutig: in einem 1869 veröffentlichten Essay nahm er selbstbewusst ein gleichgeschlechtliches Begehren als Grunddisposition aller Menschen an. Für den amerikanischen Kurator Jonathan Katz der Anlass, das Jahr 1869 als Gründungsjahr schwuler Identitäten anzusetzen und nach homosexuell inspirierten Bildwerken der Epoche zu fahnden.

Katz will erforschen, wie das Aufkommen des Wortes „homosexuell“ eine schwule Gemeinschaft stiftete – und wie Schwule und Lesben sich dann in die Kunstgeschichte einschrieben. Deshalb gehört auch nur ein einziges Werk der Schau zum sogenannten etablierten Kanon – Marianne von Werefkins märchenblau schimmerndes Portrait des sich dezidiert feminin inszenierenden Tänzers Alexander Sacharoff von 1909. Alle anderen Bilder sind Entdeckungen, die schwul-lesbisches Begehren mehr oder weniger explizit in Szene setzen – von Romaine Brooks‘ bleich-düsterer, fast gothic-artiger Akt-Darstellung ihrer Geliebten, der Marchesa Casati, von 1920 bis zu David Paynters idyllischer Inszenierung zweier Jungen-Körper im tropischen Wald von 1935, Titel „Der Nachmittag“.

Die Ausstellung beobachtet die Wechsel modischer Vorlieben: Angesagt war Ende des 19. Jahrhunderts der ephebisch-schmale Jüngling, gern schaut er als Narziss sehnsuchtsvoll ins spiegelnde Wasser. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er abgelöst vom muskulösen, erwachsenen Mann, vom Body-Builder, wie er etwa von Gustave Courtois 1907 in dem Caravaggio-haften Hell-Dunkel-Portrait des Maurice Deriaz gezeigt wurde. Die lesbische Liebe kommt viel braver daher, sie wird meist als „Freundschaft“ inszeniert: die Malerin Louise Abbéma zeigte sich mit ihrer Gefährtin, der bisexuellen Schauspielerin Sarah Bernhardt, entspannt auf einem Nachen im See des Bois de Boulogne, 1883. Explizit maskuline Selbstportraits und laszive Akte, züchtige und erotisierte Freundinnen-Duos erzählen von einer weiblichen Subkultur, wie sie durch Jeanne Mammen oder Ottilie Roederstein schon bekannt ist. Beliebt sind natürlich auch Maskierungen homosexuellen Begehrens in Badeszenen oder Festivitäten. Mit der Machtergreifung der Nazis bricht die Schau ab, und erst ganz am Ende kommt sie zu ihrer eigentlichen Botschaft. Homoerotik war in vielen Kulturen verbreitet – sei aber vor allem durch den europäischen Kolonialismus unterdrückt worden, lautet die These von Jonathan Katz. Wenn Kolonialmächte ein fremdes Land eroberten, hätten sie die Strafgesetze geändert – als erstes ächteten sie die Homosexualität. Katz geht von einer homoerotisch gefärbten, unverdorbenen indigenen Kultur aus, in der Geschlechterdifferenzen eingeebnet waren – in seiner Sichtweise vor allem in Südamerika und dort besonders in Peru. Einzelne Bilder sollen in der Ausstellung als Belege dienen, sind aber natürlich kein empirischer Befund. Während die europäische Kultur auf Fortpflanzung aus war und deshalb das Heteronormative auch in den Kolonien durchsetzte.

Gender- und Transgender-Themen fluten derzeit Theater, Film und Popkultur. In den staatlichen Museen ist das Thema noch nicht ganz so präsent. Insofern hat diese Ausstellung Vorreiter-Funktion – wenngleich in der theoretischen Grundlegung eine nicht völlig überzeugende.