Lost Pieces
Textprojekt von Annette Hoffmann und Dietrich Roeschmann
im Rahmen des Open Art Festivals Freiburg 2026, 3. bis 17. Mai 2026
Morat-Hallen, Foyer, Lörracher Str. 31, Freiburg.
Donnerstag bis Freitag 16.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Fotos und Nachweise zu den einzelnen Lost Pieces folgen unter artline.org
Mit Dank an:
Samuel Dangel
Ann-Kathrin Harr
Isabel Herda
Martha Martin-Humpert
Kunstwerkstatt Freiburg
Matthias Schöffing / badenova Netze
Kunstproduktion ist wie jede andere Form von Produktion grundsätzlich unüberschaubar. Was wir in Museen, Kunsthallen oder Off Spaces sehen, ist das, was aus unterschiedlichen Gründen gerade Aufmerksamkeit genießt oder schon seit langem hat. Der weitaus größere Teil der Kunst aber ist nicht nur nicht sichtbar, sondern in aller Regel auch unverfügbar – manchmal auch in einem radikalen Sinn. Kunst kann verschwinden. Sei es aus politischen Gründen, Gedankenlosigkeit, dem Zeitgeist oder dem Zufall geschuldet.
Das Textprojekt „Lost Pieces“ anlässlich des Freiburger Open Art Festivals 2026 möchte diese abhanden gekommenen Bilder und Objekte zurück in die Welt holen. Durch Bildbeschreibungen und Geschichten, die von ihnen erzählen – und auch von den Orten, an denen sie sich heute verbergen. „Lost Pieces“ greift exemplarisch Kunstwerke auf, die in Freiburg öffentlich zugänglich waren und es heute nicht (mehr) sind. Zu jedem dieser Werke sind zwei Texte entstanden, die auf Postkarten zum Mitnehmen im Foyer der Freiburger Morat-Hallen ausliegen. Diese Texte verstehen sich als Angebot, unverfügbare Werke im Akt des Lesens wieder verfügbar zu machen und somit erneut Teil der kollektiven Erinnerung werden zu lassen.
/
Lost Piece 1 —
Klaus Humpert, Arche, 1986
Koordinaten 48°0’44,3’’ N / 7°48’47,9’’ O
Am 18. April 1986 eröffnete im Freiburger Seepark die Landesgartenschau. Für das künstlerische Konzept war der Freiburger Architekt und ehemalige Leiter des Stadtplanungsamtes Klaus Humpert (1929-2020) verantwortlich. Er lud zahlreiche Künstlerinnen und Künstler ein, sich mit dem neu geschaffenen Ort auseinanderzusetzen. Mit der schwimmenden Installation „Arche“ samt Haus und Baum steuerte er auch selbst eine Arbeit bei. Zeitzeugen berichten, dass Humpert damit ein Zeichen der Hoffnung habe setzen wollen, angesichts des damals akut auftretenden Waldsterbens.
Am Wochenende nach der Eröffnung, am 26. April 1986, kam es in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl zur Explosion des Kernreaktors. In der selben Nacht zog ein Sturm über Freiburg mit Böen von bis zu 90km/h. Der starke Wind könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass Humperts „Arche“ kenterte und auf den Grund des Sees sank. Spekuliert wurde in der Folge aber auch über vorsätzliche Manipulation. Taucher entdeckten eine faustgroße Öffnung im Rumpf des Kahns, dessen Ursache aber nicht abschließend geklärt werden konnte. Die Landesgartenschau schloss am 12. Oktober 1986 ihre Tore. Das Wrack von Klaus Humperts „Arche“ wurde bislang nicht geborgen. Es liegt laut Auskunft des Tauchclubs Freiburg auf einem Kieshang in 8 bis 19 Meter Tiefe.
/
Lost Piece 2 —
Katharina Cibulka, Solange Visionen dort enden,
wo unsere Zukunft beginnt, bin ich Feministin, 2021
Koordinaten N 47°59’32’’ / O 7°50‘59’’
Ein Satz, der mit „solange“ anfängt, kennt ein klares Ende. Wenn diese Bedingung erfüllt ist, bleibt das nicht ohne Folgen. Doch wer den Satz „Solange Visionen dort enden, wo unsere Zukunft beginnt, bin ich Feministin“ liest, weiß: Feministin zu sein, wird nicht seine Berechtigung verlieren. Katharina Cibulkas Textarbeiten aus der Serie „Solange …“ sind immer zeitlich begrenzt und zugleich in die Zukunft gerichtet. Und die darf, sie muss sogar visionär sein.
Vor der Umbenennung in Goethe-Gymnasium wurden hier Mädchen auf einer Schule für höhere Töchter unterrichtet. Das Bildungsziel bestand darin, künftige Gattinnen und Mütter auszubilden, die etwas von Hauswirtschaft und Handarbeiten verstanden. Schulsanierungen zu leiten, kam nicht einmal als Vision vor. Der pinkfarbene Tüll, den Cibulka (*1975) verwendet, gehört sowohl der weiblichen Sphäre als auch der immer noch männlichen Welt des Bauens an. Barbies lieben Pink, Hochzeitskleider und Ballettkostüme sind aus Tüll. Aber Pink ist auch eine Signalfarbe, die Respekt verschafft. Der Satz ist verschwunden, aber in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler und der Passanten geblieben. Die Zukunft beginnt jetzt.
/
Lost Piece 3 —
Rudolf Großmann, Bahndamm bei Freiburg, o.J.
Koordinaten [keine]
Werner Noack, Direktor des Augustinermuseums, war verreist, als am 16. September 1937 ein Herr Sachs von der Reichskunstkammer und der Maler und Restaurator Werner Höll im Büro seines Assistenten Ernst Friedrich Majer-Kym standen und ihm die Liste der Bilder überreichten, die sie im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmen würden. Rudolf Großmanns Ölgemälde „Bahndamm bei Freiburg“ war auch darunter, neben fünf grafischen Bättern und einer Mappe. Insgesamt wurden an diesem Tag über 400 Arbeiten des gebürtigen Freiburgers aus 30 Museen entfernt. Laut Datenbank der FU Berlin wurde das Freiburger Gemälde im NS-Beschlagnahmeinventar als zerstört gemeldet.
Rudolf Großmmann (1882-1941) hatte in München und Paris studiert und dort Hans Purrmann, Lyonel Feininger und Henri Matisse kennengelernt. Er war Mitglied der Berliner Secession und ab 1928 Professor an der Staatlichen Kunstschule Berlin. 1934 wurde er abgemahnt, weil er an der Hochschule den Hitlergruß nicht erwidert hat. Im Oktober 1937, vier Wochen nach der NS-Aktion „Entartete Kunst“, folgte seine Beurlaubung, 1938 die fristlose Entlassung. Dass Großmann dennoch im April 1939 einen Geburtstagsbrief an Hitler schreibt, mit beigelegtem Porträt von NS-Bildhauer-Star Joseph Thorak, dürfte nicht ohne Kalkül geschehen sein. Hitler bedankte sich per Telegramm bei ihm. Was Großmann hoffen ließ, damit ein Schriftstück in den Händen zu haben, das ihn vor weiteren NS-Übergriffen schützen würde. Es nützte ihm nichts. Als er sich 1940 wegen gesundheitlicher Probleme in Bern aufhielt, entdeckten
die Schweizer Behörden das Hitler-Telegramm und Landschaftszeichnungen, die sie für Katasterauszüge hielten, und wiesen ihn aus. Er starb im November 1941.
/
Lost Piece 4 —
Chiharu Shiota, Waiting, 2002
Koordinaten 48°01’44’’ N / 7°47‘28’’ O
Entstanden ist Chiharu Shiotas Installation „Waiting“ 2002 eigens für die Ausstellung „Miss.you“ im Museum für Neue Kunst Freiburg (MNK). Das Gebäude, in dem sich seit 1985 das Museum befindet, wurde 1902 als Mädchenschule errichtet, die Ausstellungsräume waren einmal Klassenzimmer. Es waren Schulstühle, die Shiota (*1972) im Innenhof des Museums verbrannte und die sie als Material für ihre Installation nutzte. Die Metamorphose ist in ihre Arbeit eingeschrieben.
Wer immer in Folge im MNK ausstellte, musste auf Shiotas Arbeit „Waiting“ reagieren. Bei einer Sanierung des Museums wurde die Installation erst beschädigt und dann neu eingerichtet. 2012 wurde sie abgebaut, in der Ausstellung „In guten und in schlechten Zeiten. Wie was bleibt“ war sie fünf Jahre später noch einmal im MNK zu sehen. Aktuell lagert sie in Hochdorf im Zentaldepot der Freiburg Museen.
Die Installation „Waiting“ hat eine Doppelgängerin. Im Februar 2008 realisierte Shiota sie in der New Yorker Galerie Goff & Rosenthal. Das Konzept lässt sich reproduzieren – doch damit auch die Arbeit?




