It’s All About Time.
Kunstmusem Ravensburg, Burgstr. 9, Ravensburg.
Dienstag 14.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 19. Juli 2026.
www.kunstmuseum-ravensburg.de
Die vielleicht radikalste Performance von Tehching Hsieh (*1950) ist seine aktuelle. Nachdem er dreizehn Jahre zwar Kunst schuf, sie aber nicht zeigte, versicherte er, bis zu seinem Lebensende überhaupt keine Kunst mehr zu machen. In den 1980er Jahren verpflichtete er sich vertraglich ein Jahr kein Gebäude zu betreten oder eine Zelle in seinem abgedunkelten Atelier nicht zu verlassen. Während er sich mutmaßlich in dieser Zeit orientierungslos gefühlt haben dürfte oder erschöpft von seinem eigenen rigiden Regelwerk, wird sie für die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „It’s all about time“ im Kunstmuseum Ravensburg sichtbar. Ein ganzer Raum ist voll mit den Fotos seiner „One Year Performance 1980-1981 (Time Clock Piece)“. Über ein Jahr machte er stündlich Selbstporträts, sie reihen sich unter einer Stechkarte aneinander. Manchmal fehlen Stunden, weil die Fotos missglückten oder er schlicht verschlief. Die Stechuhr ist ebenfalls im Raum ausgestellt, das Rattern eines 16mm-Projektors begleitet den Zeitraffer aller Fotos. In einer Vitrine liegt das khakifarbene Hemd, das er trug. Auf einem Label ist sein Name gestickt, darüber die Daten 41180-41181. Die Zahlen könnten auch die Nummer eines Arbeiters oder eines Häftlings sein. Wie diese hat er keine Kontrolle über sein Leben, gerade dadurch, dass er es kontrolliert. Auf eine andere Weise setzt Alicja Kwade (*1979) die Logik der Zeit außer Kraft. Ihre Rauminstallation „Durchbruch durch Schwäche“ besteht aus knapp hundert Uhrengewichte. Manche stammen offensichtlich von Kuckucksuhren, andere sind schlichte Pendel oder Kegel, eines hat die Form eines Männchens, das sich an etwas hochzuziehen scheint. Alle diese Gewichte haben zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert die Zeit gemessen. Nun wirkt die Schwerkraft an ihnen, sie hängen an Ketten von der Decke, manche liegen auf dem Boden auf, und wir bewegen uns durch dieses Kräftefeld.
„It’s all about time“ benennt die Zeit als eine maßgebliche Größe von Kunst. Jeder kennt die Erfahrung, dass ein Werk Bestand hat, während das eigene Leben vergeht und auch die Erfahrung von Linearität täuscht in Ausstellungen. Videos werden oft in Loops gezeigt als hätten sie keinen Anfang und kein Ende. Auch Rafik Greiss‘ Video „The Longest Sleep“ aus dem Jahr 2024 wird in Ravensburg so präsentiert. Greiss (*1997), der in Kairo aufgewachsen ist, hat während des Mawlid, die Feierlichkeiten zum Geburtstag Mohammeds gefilmt. Anfangs sieht man auf der dreiteiligen Projektionsfläche sich drehende Fahrwerke, Karusselle, die um vollbusige weibliche Figuren kreisen – während die wenigen Frauen, die man später sieht, voll verschleiert sind. Die Drehungen werden später durch die rhythmischen Bewegungen der Frommen weitergeführt. In Gedichten, der Musik und nicht zuletzt durch den Tanz feiern die Gläubigen jedes Jahr die Präsenz des Propheten als mystisches Erlebnis. Am Ende fällt einer der Tänzer in einer Art epileptischen Anfall zu Boden.
Auch wenn wir in Zeitaltern denken und durch Traditionen eine Wirklichkeit schaffen, die über uns hinausreicht, ist es doch kaum möglich von sich selbst abzusehen. Hans-Peter Feldmann (1941-2023) fotografierte von 1998 bis 2000 stellvertretend für jedes Lebensjahr einen Säugling, ein Kind, einen Jugendlichen, Männer und Frauen. Während wir diese Zeitleiste von Fotos entlanglaufen, sehen wir Menschen, aber auch das Alter, wie Kinder Entwicklungsschübe machen, wie unterschiedlich die Jahre Spuren hinterlassen haben. Und wir abstrahieren von den konkreten Menschen, indem wir an die Zeitläufte denken, die jedes individuelle Leben prägen. Feldmann hält in „100 Jahre“ Selbstentwürfe fest, bevorstehende Aufbrüche, der Hintergrund ändert sich, Innenräume werden wieder wichtiger und zum Zeugnis für das, was man im Leben erreicht hat, zugleich verkleinert sich der Radius des Lebens. Die Zeiger einer Uhr, so fasst es David Horvitz (*1974) auf einem Plakat als eines seiner „Proposals for Clocks“, haben die Form eines Flusses. Die Zeit fließt auch ohne uns.



