Falscher Marmor und glühende Sterne: Die Spur der Sterne

Falscher Marmor
Linda Carrara, Above Reality, 2022, Courtesy the artist, Foto: Holger Kube Ventura
Review > Reutlingen > Kunstmuseum Reutlingen
5. Mai 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Falscher Marmor und glühende Sterne.
Kunstmuseum Reutlingen | konkret, Wandel-Hallen, Eberhardstr. 14, Reutlingen.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 28. Juni 2026.
www.kunstmuseum-reutlingen.de

Falscher Marmor
Gilberto Zorio, Stella incandescente, 1973, Courtesy the artist, Foto: Holger Kube Ventura
Falscher Marmor
Marco Gastini, New York Project / 44 Units, 1977, Detail, Courtesy the artist, Foto Holger Kube Ventura
Falscher Marmor
MarcoLinda Carrara, Ecolalia_07, 2025, und Column, 2017-18, Courtesy the artist, Foto: Holger Kube Ventura

Auf den ersten Blick hat Linda Carrara (*1984) einen ziemlich unmittelbaren Bezug zum Gegenstand ihrer Kunst, der Natur. Man könnte es konzeptuelle Plein-Air-Malerei nennen, was sie tut, wenn sie mit Leinwand, Farbe und weichen Pinseln durch unwegsames Gelände zieht, Frottagen von Baumrinden anfertigt, Abdrücke von Waldböden sammelt oder von Gründen trocken gefallener Teiche. Was auch immer die Bilder ihrer Werkgruppe „Esami di realità“ zeigen, hat seinen Ursprung in der physischen Wirklichkeit der Welt. Jeder Stein, dessen Spur sich auf dem Gewebe der Leinwand abzeichnet, existiert, und jede auf den Malgrund durchgeriebene Riffelstruktur im Sand verdankt sich konkreten Wind- oder Wasserströmungen der Vergangenheit.

Im Kunstmuseum Reutlingen legt Linda Carrara mit diesem mimetischen Ansatz eine verlockende Fährte aus, die zugleich in die Irre führt. Denn eigentlich geht es der in Mailand und Brüssel lebenden Malerin weniger um das Bild als Beleg der äußeren Wirklichkeit als um die komplexe Realität des Bildes selbst. Carrara interessiert sich nur entfernt für die Oberfläche der Natur als Ausdruck der Kräfte, die sie formten, eher schon als Projektionsfläche der Sehnsüchte, die sich mit ihr verbinden, und der Idee, überhaupt so etwas wie die „Realität“ der Natur abbilden zu können. Davon erzählen zum Beispiel die Trompe-L’œils von Marmoroberflächen, denen die Ausstellung „Falscher Marmor und glühende Sterne“ einen Teil ihres Titels verdankt. Dabei ist es weniger ein akribischer Realismus, der Carraras Pinsel führt, als ein vielfältiges Wissen über Tektonik, Architekturgeschichte, Appropriation Art und Konzepte der Immersivität.

Für die Installation „Column“ etwa stellte die Künstlerin zwei aufgerollte, grau marmorierte Papierbahnen als Fake-Säulen in den Raum wie Displays ihrer eigenen Täuschungsabsicht. Die 20-teilige Papierarbeit „False Carrara Marble“, die an der Wand gegenüber das polierte Profil einer Marmorfläche simuliert, verstärkt diesen Eindruck der Ambivalenz zwischen Fakt und Fiktion. Geradezu erzählerisch wirkt daneben eine Frottage der Oberfläche eines Felsens im Addatal, den sich Leonardo da Vinci beim Malen seiner berühmten Felsengrottenmadonna angeblich als passendes Setting vorgestellt haben soll.

Aber Carrara hat auch ein Faible für didaktische Illusionen. Die Bodenarbeit „Above Reality“ etwa besteht aus der Fotografie einer Teichoberfläche, auf der sie aus Bronze gegossene Fragmente eines Astes so verteilt hat, dass die Grenze zwischen Bildraum und Realraum wie in einem naturkundlichen Diorama verschwimmt. Und auch die kreisförmigen Marmorscheiben, die in lockerer Choreografie an einer Längswand arrangiert sind, verweisen auf naturwissenschaftliche Visualisierungsmodelle. Kaum möglich, in den schön gemaserten Tondi etwas anderes zu erkennen als Planeten, die ihre Bahnen ziehen. 

In Reutlingen treten diese Arbeiten in einen engen Dialog mit drei wichtigen Positionen der Arte Povera aus der Sammlung des Museums. Carraras Interesse an der Erweiterung des Bildes in den Raum teilt sie mit Marco Gastini (1938-2018), der 1969 mit seiner Wandarbeit „42,12 m2 pittura“ aus drei Dutzend Bleiklumpen scheinbar absichtslos eine Landschaft entstehen ließ, deren lückenhaftes Profil bemerkenswert naturnah wirkt und zugleich konstruiert ist wie ein Gedicht. Eine ähnliche Poesie entfaltet auch Gastinis Malerei-Installation „New York Project“ aus 44 cremeweißen Leinwänden mit perlweißen Farbflächen, rhythmisiert durch feine schwarze Linien.

Giuseppe Spagnulo (1936-2016) ist in Reutlingen mit der Installation „Le armi di Achille“ präsent, bestehend aus einer schrundigen Lanze aus geschmiedetem Eisen, die eine riesige Tonscheibe spaltet – als Bild für die Gewalt, die der Mensch der Natur antut. An der Wand lehnt dazu zentnerschwer der in Terrakotta gebrannte Abdruck eines Stück Waldbodens. Dass die Arte Povera dem Pathos nicht abgeneigt war, zeigen schließlich auch die Arbeiten von Gilberto Zorio (*1944), der seine Kunst seit 1972 um das Pentagramm und seine vielfältigen Energien herum organisiert – hier in einer Version aus glühendem Metalldraht, über einen Wurfspeer und Nägel in der Wand mit einer Starkstromquelle verbunden. Das leise Sirren mahnt: Besser mal nicht berühren.