Liminalität. Räume im Übergang.
Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, Friedrich-Ebert-Str. 35,Villingen-Schwenningen.
Dienstag bis Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 13.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 10. Mai 2026.
www.galerie.villingen-schwenningen.de
„Centro di permanenza temporanea“ lautet der Titel von Adrian Pacis Video aus dem Jahr 2007. Der in Italien lebende Paci (*1969) hat mit seiner Arbeit ikonische Bilder für weltweite Fluchtbewegungen gefunden. Denn in den folgenden Jahren sollten noch sehr viele Menschen derartige „Vorübergehende Unterbringungsstellen“ erfahren. Nach und nach reihen sich Männer und Frauen in die Schlange auf der Gangway ein, sie machen einen stoischen Eindruck, Gepäck haben sie keines. Am Ende wechselt die Kameraperspektive und man sieht, dass die Treppe auf einem leeren Rollfeld steht. Daneben hebt ein Flugzeug ab. Die Menschen scheinen sich in einem ständigen Übergang zu befinden, ziellos, als hätte sich ihr Leben auf eine unbestimmte Zukunft verschoben. Der Begriff der Liminalität, so der Titel der Ausstellung in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen, trägt in sich die Hoffnung, dass der Schwebezustand vorübergeht, zu Änderungen, womöglich sogar zu Verbesserungen führt. Die gezeigten Arbeiten der neun beteiligten Künstlerinnen und Künstler unterlaufen diese Erwartung ein ums andere Mal.
Asta Gröting (*1961) zeigt in ihren Installationen und Objekten Zeugnisse des Zweiten Weltkrieges an Zäunen und Berliner Fassaden. „Plots (Warszawa)“ besteht aus acht schmalen Latten aus Holz, Wachs, Metall und anderen Materialien, die an der Wand lehnen. Ihre Oberfläche ist verbeult und voller Schrunden. Gröting hat sie vom Zaun der Bundesdruckerei in Warschau abgenommen, der während des Warschauer Aufstandes beschädigt wurde und sie hat Berliner Fassaden in den Kunstraum überführt, an denen man immer noch die Spuren des Häuserkampfes der letzten Kriegstage erkennen kann. Ihre Arbeiten widerlegen den Mythos der Stunde Null und zeigen, wie präsent Kriege im kollektiven Gedächtnis bleiben. Dagegen wirkt Manaf Halbounis (*1984) Serie von Häusern „Broken Dreams“ erst einmal naiv. Der Himmel immer blau, die Fassaden wie vom Zuckerbäcker: türkis mit weißen Rahmen, ein dreistöckiges Brownstone mit repräsentativem Eingang. Nirgends sieht man Menschen. Die Häuser könnten in einem Themenpark stehen, so sehr wird hier Künstlichkeit ausgestellt – wären da nicht die Spanngurte um die bunten Rahmen. Doch so wirkt die Idylle wenig verlässlich. In Halbounis eigener deutsch-syrischer Familie kennt man sich mit solch zerbrochenen Träumen aus. Seine Mutter stammt aus Dresden, sein Vater aus Damaskus. Es sind Städte, die durch große Kriegsschäden gezeichnet sind und deren Menschen jede Sicherheit verloren hatten und haben. So auch den Glauben, dass Häuser für die Ewigkeit gebaut sind und einen verlässlichen Rahmen für das Private und einen Rückzugsraum bilden. Doch diese Kriegsschäden bedeuten ja nicht, dass das Bedürfnis nach Schutz falsch ist, nur dass dieser gefährdet ist.
Lu Yangs ästhetische Sprache ist die des Videospiels. Yang (*1984) hat mehrere Protagonisten namens Doku entwickelt, die für verschiedene Identitäten wie das Tierische oder Menschliche stehen, ansonsten aber wie futuristische, geschlechtslose Krieger in apokalyptischen Dystopien wirken. Sie tanzen in einem biologischen Labor neben Schweinen, Pinguinen und Rindern auf Laufbändern, auf Dächern vor der Skyline einer Megalopolis und fliegen durch apokalyptische Landschaften aus menschlichen Knochen. Die begleitenden Texte konstatieren nüchtern eine Trennung des Ichs in beobachtendes Subjekt und beobachtetes Objekt. Ich bin die Person in meinen Träumen und die, die träumt, heißt es einmal. In Yangs Videos, die umfassend in der Kunsthalle Basel 2023 in einer Einzelausstellung zu sehen waren, verlieren die Avatare alles Menschliche. Arme und Beine kristallisieren und fallen ab bis nur noch der Schädel durch das Weltall kreist. Das limbische System geht verloren, dann das Nervensystem. Liegt darin Trost, von den Erinnerungen, vom Schmerz, überhaupt vom Leben getrennt zu sein? Für Buddhisten vielleicht – allen anderen bleibt hier eine sehenswerte Ausstellung.



