Kaari Upson: Dollhouse. Retrospektive.
Kunsthalle Mannheim, Friedrichplatz 4, Mannheim.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 31. Mai 2026.
kuma.art
Irgendwann musste Larry sterben, und weil ohne Larry die ganze Geschichte keinen Sinn mehr ergab, beschloss Kaari Upson, auch sich selbst aus der fiktiven Beziehung zu verabschieden, in die sie sich in jahrelanger kalkulierter Obsession hineinfantasiert hatte. In der Kunsthalle Mannheim, die der früh verstorbenen kalifornischen Künstlerin derzeit eine umfassende Retrospektive widmet, liegen zwei verrenkte Puppen aus Holzkohle wie verbrannte Leichen auf dem Boden. Sie markieren den Endpunkt eines Langzeitprojektes, das Upson von 2005 bis 2012 verfolgte und das mit seinem subtilen Horror fast schon programmatisch den Ton setzt für diese Ausstellung.
Ausgangspunkt von „The Larry Project“ war ein Brand, der das Haus auf dem Nachbargrundstück ihrer Eltern in San Bernadino verwüstete. Weil der Besitzer nicht zurückkehrte, stieg Upson irgendwann in die Ruine ein und sammelte verstreute Relikte aus dem Leben des Nachbarn, den sie fortan Larry nannte. Auf einem schmalen Grat zwischen Stalking und Konzeptkunst sortierte sie Fotos, Postkarten und Magazinausschnitte zu wilden Tableaus an der Wand, die sie mit forensischer Detailfreude abmalte. Sie nahm 1:1-Latexabdrücke von den Räumen, in denen der Nachbar gelebt hatte, nähte eine Larry-Puppe, welcher sie den Kopf abtrennte und sich als Maske überzog, um die Welt durch seine Augen zu sehen – und presste schließlich zwei frische, noch feuchte Öl-Porträts von Larry und ihr selbst aneinander, sodass sich nach dem Trennen der Bilder auf den Gesichtern die Züge des jeweils anderen abbildeten. Es ist ein verstörendes Spiel zwischen Fakt, Fiktion und Fetischismus, das Kaari Upson hier inszenierte. Was sie interessierte, war nicht die reale Person hinter Larry, sondern das erzählerische Potenzial der Spur, die andere in unseren Leben hinterlassen und umgekehrt. Upson war fasziniert von den Oberflächen der Welt, von der Haut der Dinge und der Menschen, unter denen verdrängte Erfahrungen und verschüttete Erinnerungen wirken.
In der Kunsthalle Mannheim reihen sich die künstlerischen Resultate dieser Spurensicherung zu einer gleichermaßen persönlichen und kollektiven Geschichte der Intimität. Polyuretanabgüsse von faltigen Sofas und gebrauchten Matrazen, die Kaari Upson auf der Straße fand, blicken von den Wänden wie archäologische Fundstücke aus der anonymen Privatheit gelebter Leben. Großformatige Zeichnungen erkunden dazwischen die komplexen Zusammenhänge von familiären Rollen, Identitäten und Traumata.
Damit beschäftigte Kaari Upson sich auch in ihrer Installation „May You Live in Interesting Times“, die 2019 schon an der Venedig-Bienale zu sehen war. Im Zentrum steht hier das Puppenhaus ihrer Großmutter, mit dem auch ihre Mutter und schließlich sie selbst als Kind spielte. Upson digitalisierte das Haus, vergrößerte es überlebensgroß und druckte die Einzelteile samt Geschirr, Mobiliar und der ins Hypergrobe skalierten Maserung der Holzbalken aus. Im einsehbaren Keller unter dem Wohnzimmer stapeln sich Vorräte, Decken, Tabletten und Zähne zur alptraumhaften Kulisse eines Settings, in dem sich die Blicke der drei Generationen kreuzen und mit ihnen auch die Erinnerungen an das geteilte Gefühl, mit dem sie sich hier jeweils in die Rollen des Kindes, der Mutter und Frau imaginierten. In der Werkgruppe „O. Snag” schließlich morphte Upson die Köpfe der drei Frauen ineinander und gab der Summe der Mütter-Töchter-Beziehungen in ihrer Familie ein irritierend ambivalentes Gesicht.
Nicht weniger beklemmend und berührend zugleich wirkt die Installation „Mother’s Legs“, für die Kaari Upson die eigenen Knie und die ihrer Mutter in eingefärbte Urethanabgüsse von rindenlosen Baumstämmen modellierte. Sie entstanden kurz vorm Tod ihrer Mutter. Wenig später wurde bei Upson selbst der Rückfall einer früheren Krebserkrankung diagnostiziert. Als eine Art Krankentagebuch begann sie im April 2021 das auf ein Jahr angelegte Projekt „Foot Face“. Tag für Tag zeichnete sie das Porträt eines freundlich-monströsen Wesens mit Fuß im Gesicht. Am Ende wurden es nur 140 Blätter. Das letzte vor ihrem Tod zeigt zwei rot glühende Augen, die in tiefes Blau driften.




