Ulla von Brandenburg: Schüttelt Schattendramen aus dem Ärmel. Lichtspiele

Ulla von Brandenburg, Die Wette, 2024, Courtesy the artist and Art : Concept, Paris, Galerie Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe, Pilar Corrias Gallery, London, Produzentengalerie Hamburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Review > Hamburg > Ernst Barlach Haus
9. April 2026
Text: Belinda Grace Gardner

Ulla von Brandenburg: Schüttelt Schattendramen aus dem Ärmel.

Ernst Barlach Haus, Baron-Voght-Str. 50a, Hamburg.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 7. Juni 2026.

www.barlach-haus.de

Ulla von Brandenburg, Kakémono VII, 2024/25, Courtesy the artist and Art : Concept, Paris, Galerie Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe, Pilar Corrias Gallery, London, Produzentengalerie Hamburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ulla von Brandenburg, Kakémono V, 2024/25, Courtesy the artist and Art : Concept, Paris, Galerie Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe, Pilar Corrias Gallery, London, Produzentengalerie Hamburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ulla von Barndenburg, Un bal sous l'eau (Ein Unterwasserball), 2023, Courtesy the artist and Art : Concept, Paris, Galerie Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe, Pilar Corrias Gallery, London, Produzentengalerie Hamburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ulla von Barndenburg, Kekkai, 2025, Filmstill, Courtesy the artist and Art : Concept, Paris, Galerie Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe, Pilar Corrias Gallery, London, Produzentengalerie Hamburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ulla von Barndenburg, Kekkai, 2025, Filmstill, Courtesy the artist and Art : Concept, Paris, Galerie Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe, Pilar Corrias Gallery, London, Produzentengalerie Hamburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ulla von Brandenburg, Stage 4, 2024, Courtesy the artist and Art : Concept, Paris, Galerie Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe, Pilar Corrias Gallery, London, Produzentengalerie Hamburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

[— artline>Nord] Beim Eintauchen in die aktuelle, multiple Sinne ansprechende Ausstellung „Schüttelt Schattendramen aus dem Ärmel“ von Ulla von Brandenburg im Hamburger Ernst Barlach Haus eröffnen sich unerwartete Welten. Sie entfalten sich hinter semi-transparenten, indigoblauen handgefärbten und -bearbeiteten Tüchern und bodenlangen, farbstark leuchtenden Vorhängen, welche die Sicht zugleich abfangen und freigeben: ein mobiles textiles Grundvokabular, das in der vielfältigen, von Malerei und Skulptur bis hin zu Installationen, Filmen und Performances reichenden Produktion der Künstlerin wiederkehrende Zeichen setzt und gängige Wege- und Gedankenführungen aufhebt. Ihre charakteristischen, oft in barock anmutenden Verschachtelungen angeordneten Draperien transformieren jeden Raum, in dem sie auftreten, in eine Bühne und die Betrachter:innen in Akteur:innen eines (Schau-)Spiels der offenen Regeln. Ulla von Brandenburgs nach einem Zitat vom Hausherrn Ernst Barlach (1870–1938) betiteltes Gesamtkunstwerk rückt das theatrale und bildnerische Schaffen des expressionistischen Bildhauers und Dramatikers in ein von Brüchen und Zwischentönen getragenes, dabei erhellendes Zwielicht, das dessen geheimnisvoll-surreale Seiten zum Vorschein bringt und um neue Perspektiven erweitert.

Die 1974 in Karlsruhe geborene, bei Paris lebende, international aktive Künstlerin, weltweit in Einzelausstellungen und Biennalen sowie in bedeutenden Sammlungen vertreten, studierte unter anderem an der Hamburger Hochschule für bildende Künste und lehrt seit 2016 als Professorin für Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Ihre vielschichtig-opulente Intervention im Ernst Barlach Haus, zu der auch die mitreißende Revitalisierung von Barlachs „Fries der Lauschenden“ (1930–35) gehört, verknüpft nicht nur die historische und die eigene Position zu einem überraschend kongenialen Rapport der fabulösen Motive und ausdrucksreichen Geschöpfe in Zeichnungen, Geweben und plastischen Werken. Ulla von Brandenburg verbindet die schillernden, doppelbödigen Wirklichkeiten des Zirkus, des Karnevals, der Harlekine, Kostüm- und Schattenspiele zudem mit Bezügen zu Figuren- und Puppentheater sowie anderen japanischen Kulturtechniken und Schönheitskonzepten, mit denen sie im Rahmen eines Recherche-Stipendiums 2024 in Kyoto in Berührung kam. So zieht sich die von Tanizaki Jun’ichirō in „Lob des Schattens“ dargelegte Ästhetik des Diffusen und Dämmerhaften durch das Ensemble der Künstlerin hindurch: ein Parcours der Mythen und Mysterien, zu dem auch der traumlogisch mäandernde burleske Film „Un bal sous l’eau“ („Ein Unterwasserball“) von 2023 gehört, der unter einem zirzensischen Baldachin rezipiert werden kann.

Die Hell-Dunkel-Reflexe, die durch einfallendes Licht von außen zusätzlich auf Stoffe und Bilder im Interieur des Ernst Barlach Hauses gezeichnet werden, unterstreichen die Durchwirkung der Ausstellung mit Schwellenphänomenen unterschiedlichster Art. Dazu gehören auch die Yōkai, oder japanischen Geisterwesen, die ähnlich wie die Butō-Tänzerin im Schwarz-Weiß-Film „Kekkai“ in Zwischenzuständen zuhause sind: dort, an den Übergängen, wo Unbewusstes und Bewusstes, das Dunkle und Helle, ineinander übergehen. Spiele mit Licht und Schatten und andere Negativ-Positiv-Umkehrungen manifestieren sich in Scherenschnitten ebenso wie in anderen Exponaten der Künstlerin. Ihre gemeinsam mit Benoit Résillot und Giuseppe Molino zur Eröffnung präsentierte, nach einem weiteren Barlach-Zitat benannte Performance „Wir werden wieder Raum haben und nicht bloß Fläche“ ist während der Ausstellungsdauer als filmische Fassung zu sehen. Die begleitende Publikation „Magazin 11“ führt Materialien, Entwürfe, Stoffmuster, Fundstücke und vieles mehr vor Augen, das Ulla von Brandenburgs künstlerisches Schaffen und spezifisch ihre Hamburger Schau flankiert. Auf schwebenden blauen Tischen zum Abschluss des Rundgangs versammelt, wirken sie wie Stillleben, kurz vor dem Sprung ins Dasein.