Stanislava Kovalčíková, Rubigo: Uhren ohne Zeiger

Stanislava Kovalcikova
Stanislava Kovalčíková, Rubigo, 2026, Ausstellungsansicht Kunstverein Freiburg, Foto: Marc Doradzillo
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12. April 2026
Text: Annette Hoffmann

Stanislava Kovalcíková, Rubigo.
Kunstverein Freiburg, Dreisamstr. 21, Freiburg.
Mittwoch bis Freitag 15.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 19. April 2026.
kunstvereinfreiburg.de

In Stanislava Kovalčíkovás Ausstellung „Rubigo“ im Kunstverein Freiburg dient ein schmiedeeisernes Tor als Übergang in eine andere Welt. Sobald man die Halle betritt, geht man anders, erlebt das Licht gedämpft. Zehn bemalte zeigerlose Ziffernblätter an den Wänden zeigen nicht mehr die Zeit an, sondern verschmelzen verschiedene Ebenen. Die Künstlerin hat sie bei einem Antiquitätenhändler gefunden, sie stammen von preußischen Turmuhren. Zeitgenössische Motive finden sich auf diesem besonderen Malgrund neben Historischem und Mythischem, ganze Bild- und Filmarchive scheinen sich hier materialisiert zu haben. Geradezu programmatisch schaut ein Mond von der Galerie auf die Halle herunter. Er ist aus Georges Méliès‘ Film von 1902 „Le voyage dans la lune“. Die Zukunft ist ein Projekt der Vergangenheit.

„Rubigo“, der Titel der Ausstellung, verweist auf Robigo oder Rubigus, die römische Göttin oder den Gott, der den Schaden der Getreide-Pilzerkrankung Rostbrand abwehren sollte. Kovalčíková, die 1988 in der Slowakei geboren wurde und an der Düsseldorfer Akademie Kunst studierte, hat den Kunstverein Freiburg in einen retrofuturistischen Raum verwandelt. Sie hat ihn in rostrotes Plastilin eingefasst, das den Boden bedeckt und auch auf die Wand übergeht. Weniger White Cube war hier selten, man sieht deutlich die Spuren von Händen. Es ist ein Setting, das die Atmosphäre dämpft. Es lässt an das Innere eines Körpers denken, an das von der Pilzerkrankung befallene Getreide oder an eine historische Galerie. Auf dem Boden finden sich Steinsetzungen, manche in rotem Sandstein, doch es gibt auch moosbewachsene Tröge oder Mühlsteine, hinten ist das Gesicht der Bocca della Verita eingelassen. Ein Wegsystem mit rankenartigen Ausläufern verbindet alles miteinander. Vielschichtiger sind da nur jeweils die einzelnen Ziffernblätter. „L’École des cadavres“ ist durch mit Strasssteinen besetzte Lungenflügel bestimmt, sie bilden auch das Profil zweier Menschen. Unmittelbar darunter befindet sich ein gelber Keil, er ist ein Zitat aus dem Plakat von Andrei Tarkowskis Film „Solaris“ und fasst die verschwommene Silhouette einer Figurengruppe ein. Es ist ein bisschen so als hielte der Raum mit seinen Referenzen einen gefangen. Das kann Geborgenheit vermitteln, doch für Stanislava Kovalčíková steht Preußen für ein reglementierendes System, umso mehr die Zeitmessung mit der Industrialisierung verbunden ist. Das Plastilin am Boden wird, je häufiger es betreten wird, zunehmend Risse bekommen. Man sollte sich mit einem Besuch der Ausstellung also auf jeden Fall beeilen, es lohnt sich.